Pfaffenzeller, Todesangst und Überleben

"Es ist heute das erste Mal, dass ich über meine Erlebnisse zusammenhängend gesprochen habe …“. So oder so ähnlich waren die Kommentare etlicher Überlebender und Folteropfer, die Marlene Pfaffenzeller in der Türkei, Südamerika und Ruanda traf und sie über ihre Erfahrungen mit dieser Gewalt berichten ließ. Erfahrungen mit traumatisierten Menschen konnte sie bereits über Jahrzehnte in ihrer neurologisch- psychiatrischen und psychoanalytischen Praxis in Berlin sammeln, wo sie fast 30 Jahre lang Flüchtlinge behandelt hat. Die eingangs erwähnte Sprachlosigkeit über erlittenes Leid ist Marlene Pfaffenzellern Anliegen. Sie möchte jenen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden. Wie traumatisierend die Flucht oft war, machen schon die wenigen Sätze eines Interviews deutlich, dass die Therapeutin 2012 im vom Bürgerkrieg geschüttelten Ruanda führte: „Ich habe mich am Tag im Wasser zwischen den Papyrus-Pflanzen versteckt und bin nachts weiter geflohen. Ich bin mit anderen Menschen geflohen und bin dabei oft auf Milizen getroffen, die Granaten geworfen oder mit Gewehren das Feuer eröffnet haben. Einmal konnte ich mich an einer Straßensperre damit herausreden, dass ich meinen Ausweis vergessen habe.

Ich bin immer weiter gelaufen und habe viele Tote und Verwundete gesehen. Die Flüchtenden konnten einander nicht helfen. Viele Kinder konnten nicht schnell genug laufen und wurden getötet. Ich habe nicht nachgedacht; wenn hinter mir Menschen getötet wurden, habe ich nur gedacht, es war seine Zeit, wann wird meine Zeit kommen? Ich habe nichts gefühlt, ich war wie ein toter Baum, ein Stück Holz.“ Pfaffenzeller, die momentan in Südamerika unterwegs ist, hat das Leid vor Ort gesehen. Sie reiste nach Afrika, Südamerika und in den Nahen Osten. Gerade angesichts der Gräueltaten des Islamischen Staates bietet das Buch einen bedrückenden Einblick in die Herzen derer, die von dessen Grausamkeit betroffen sind. Das Buch hilft nicht nur Mitarbeitern von Flüchtlingsorganisationen die Probleme der ihnen anvertrauten Menschen zu verstehen, sondern sollte uns alle aufrütteln, da für viele Deutsche diese Geschichten sonst nur Schnipsel aus den Nachrichtensendungen sind, über die man zu gerne hinwegsieht.

(c) Magazin Frankfurt, 2020