Irving, Straße der Wunder

Auf einer Mülldeponie am Rande der zentralmexikanischen Stadt Oaxaca des Jahres 1970 wachsen sie auf: der hinkende und hochbegabte Juan Diego, der sich mit Hilfe einer entsorgten Klosterbibliothek selbst Schreiben und Englisch beibringt, und seine ein Jahr jüngere fast stumme Schwester Lupe, die Gedanken lesen und unzuverlässig die Zukunft voraussagen kann. Von ihrer Mutter, einer Prostituierten, im Stich gelassen, gelangen die Geschwister zuerst in ein von Jesuiten geführtes Waisenhaus und von dort in den "Circo las Maravillas". Dort bietet sich ihnen die erste Chance, es im Leben zu etwas zu bringen: Lupe als Wahrsagerin, die die Gedanken der Löwen lesen soll und Juan Diego als Hochseilartist am Zirkushimmel, allabendlich pendelnd zwischen Leben und Tod.

Vierzig Jahre später ist Juan Diego zum leidlich berühmten und erfolgreichen Schriftsteller avanciert und lebt nördlich der Grenze zur USA in Iowa, von wo aus er zu einer Reise auf die Philippinen aufbricht. Auf dem Weg dorthin lernt er zwei geheimnisvolle Frauen kennen, die auch nach seiner Ankunft immer wieder seinen Weg kreuzen. Für Juan Diego ist es eine abenteuerliche Zeit in Südostasien und durch seine Experimente mit diversen Medikamenten kommen ihm im Traum immer wieder Sequenzen aus seiner Jugend in den Sinn und bei denen sich die Gegenwart mit der Vergangenheit mehr uns mischt.

John Irving gelingt es das Leben der beiden mexikanischen Müllkippenkinder Juan Diego und seiner für alle anderen unverständlich sprechenden Schwester Lupe einfühlsam zu beschreiben. Ihre einzige Überlebenschance ist der Glaube an die eigenen Wunderkräfte. Denn Juan Diego kann fliegen und Geschichten erfinden, Lupe sogar die Zukunft voraussagen, insbesondere die ihres Bruders. Um ihn zu retten, riskiert sie alles. Verführerisch bunt, magisch und spannend erzählt Irving von zwei jungen Migranten auf der Suche nach einer Heimat in der Fremde und in der Literatur.

Der heute 74-jährige US-Amerikaner John Irving lebt abwechselnd in Vermont und im kanadischen Toronto. Seine bisherigen Romane wurden alle zu Weltbestsellern, einige davon verfilmt und viele in über 35 Sprachen übersetzt. 2000 erhielt Irving einen Oscar für die beste Drehbuchadaption seines Romans "Gottes Werk und Teufels Beitrag". Seinen neuen epischen Roman kann man getrost als typischen John Irving bezeichnen. Wieder einmal verwirbelt er mit Wortwitz und pointierten Formulierungen viele kleine Geschichten über Glauben, Sex, Verlust und Tod mit gleichermaßen berührenden wie irritierenden Figuren zu einer berauschenden großen Liebesgeschichte, die den Leser von der ersten bis zu letzten Seite fesselt und noch lange nachhallt.

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(c) Magazin Frankfurt, 2020