Shoka - Japanische Kinderlieder Nagano, Damrau

Eines Tages hörte Kent Nagano aufmerksam zu, als seine Frau seiner Tochter ein Kinderlied vorsang. Das Lied erzählte von einem Kapitel der japanischen Geschichte, das ihm bis dahin unbekannt war: Von Emotion, Zärtlichkeit, Liebe und Bitterkeit. Das Lied stammte aus der Zeit, als sich Japan gegenüber dem Westen öffnete, einer Zeit, als Japan unter Überbevölkerung, Hunger und Armut litt. Er erzählt "Diese Lieder hörte ich erst sehr spät. Trotz meiner japanischen Herkunft kam meine Familie schon Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika. Damit war ich drei Generationen von Japan entfernt. Ich kam damals zum Frühstück herunter und sah meine Tochter, wie sie diese Lieder von einer Aufnahme zuhörte und meine Frau die Lieder mitsang, um sie meiner Tochter beizubringen." Karin Kei war damals drei Jahre alt, als sie ihren Vater zu einem seiner ambitioniertesten Projekte inspirierte. Kent Nagano war so gerührt von den Texten und der Melodie, dass er sich sofort daran machte, de Quellen zu ergründen. "Nach einer Weile, ich würde sagen sechs Wochen oder zwei Monate, nachdem ich jeden Morgen diese anrührenden und schönen Lieder gehört hatte, hatte ich das Gefühl, dass wegen meiner begrenzen Japanisch-Kenntnisse, ich nicht vollständig verstand, worüber sie handelten und ich fragte deshalb meine Tochter, mir die Texte zu erklären. Ihre Übersetzung, bestätigt von meiner Frau, enthüllten mir eine komplexe und tiefe poetische Textsammlung. Sie waren gleichzeitig sehr emotionell bewegend wie verstörend. Ihre treibende, mysteriöse Schönheit hatten jede Generation seit ihrer Schöpfung angelockt und machen sie aktuell und tatsächlich relevant für unsere moderne Welt.

In Japan sind die Lieder, die Nagano bezauberten gemeinhin als Shoka oder Schulhymnen bekannt. Sie basieren auf berühmten japanischen Gedichten, wurden aber im westlichen Musikstil komponiert. Die Lieder stammen aus der Zeit der Meiji-Restauration des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Es war die Zeit, als sich Japan nach fast 250 Jahren Zurückgezogenheit endlich gegenüber dem Westen öffnete. Der rückständige Feudalstaat verwandelte sich in eine moderne kaiserliche Weltmacht. Es war diese Periode von wirtschaftlichem und kulturellem Umbruch, in der die Kinderlieder entstanden. Manchmal handeln die Texte vom Alltagsleben, während andere von Fremden erzählen, die in Japan ankommen. Einige erzählen auch die Geschichten von Japanern, die nach Übersee gingen, um der Armut der heimat zu entfliehen. Die Lieder aus alten Zeiten haben tiefe Eindrücke bei dem amerikanischen Dirigenten hinterlassen und sein Interesse an seinen japanischen Wuzeln wiederaufleben lassen. Nagano wollte sie dem Publikum durch eine Aufnahme mit dem Orchestre symphonique de Montréal zu Gehör bringen. Sein Freund, der Hamburger Designer Peter Schmidt schuf animierte Kurzfilme , um das musikalisch Gehörte zu vertiefen.

(c) Magazin Frankfurt, 2018