Wein aus Graubünden

Vaduz

Schloss Vaduz Liechtenstein

Der etwas andere Rheinwein

Wein vom Rhein ist in Deutschland ausgesprochen beliebt. Kein Wunder, denn fast alle Weinbaugebiete Deutschlands – abgesehen von Saale-Unstrut und den Weinen aus dem Elbtal bei Dresden liegen am Rhein oder einem seiner Zuflüsse. Doch schon bevor der Rhein mit dem Bodensee in Deutschland ankommt und dann lange Zeit die Grenze zur Schweiz bildet oder sie bei Schaffhausen und Basel durchfließt, liegen an seinen Ufern lohnende Weinberge.

Das fängt schon im „s’Ländle“ an, wie der Vorarlberg liebevoll von seinen Bewohnern genannt wird. Nur wenige Kilometer durchfließt es der Rhein, nachdem er zuvor die Grenze zur Schweiz bildete, eingerahmt von den imposanten Gebirgszügen der Alpen. Schon seit Jahrhunderten baut man dort Wein an und im Mittelalter war dies eine wichtige Einnahmequelle. Das kleine Örtchen Röthis kann auf über 1.000 Jahren durchgehenden Weinbaus zurückblicken. Heute ist im „Bergland“, wie der Österreichische Weinbauverband die fünf Bundesländer Oberösterreich, Kärnten, Salzburg, Tirol und Vorarlberg zusammenfasst, der Weinbau fast zum Erliegen gekommen.

Gerade einmal 20 Hektar Rebfläche pflegen vier verbliebene Winzerbetriebe. Kaum zu glauben, dass es vor 150 Jahren noch 550 Hektar waren.

Auch das Fürstentum Liechtenstein betreibt traditionelle Weinkultur von hoher Qualität. Nur vier der über 100 Winzer zwischen Eschnerberg im Norden und dem Hügel Gutenberg im Süden sind allerdings Berufswinzer. Die Weine profitieren vom milden Föhnklima. Der größte Winzer im Fürstentum ist der Fürst selbst. Die Fürstliche Hofkellerei in Vaduz bietet einen guten Überblick und befindet sich in der nach Südwesten ausgerichteten Reblage Herawingert, die mit ihren vier Hektar Rebfläche zu den besten Reblagen im Rheintal gehört. Der Fürst, der auch ein Weingut in Niederösterreich besitzt baut hier meist Pinot Noir und Chardonnay an. Mit Prinzessin Marie von und zu Liechtenstein, der Schwiegertochter von Prinz Hans-Adam II. ist seit einigen Jahren ein Mitglied der Fürstenfamilie direkt am Vertrieb der Weine beteiligt. Die gebürtige Steirerin ist ausgebildete Sommelière.

Bündner Herrschaft

Bündner Herrschaft

Zu Gast in der Bündner Herrschaft

Nur ein paar Kilometer südlich von Liechtensteins Hauptstadt Vaduz liegt mit der Bündner Herrschaft eines der spannendsten Weinbaugebiete der Schweiz. Zwar ist es das letzte der Schweizer Anbaugebiete, die wir auf dem Weg in Richtung Rheinquelle durchqueren, denn schon bei Schaffhausen haben wir mit dem Blauburgunderland ein Weinbaugebiet mit einer reichen Geschichte. Schon die Römer dürften dort Reben gepflanzt haben. Eine Tradition, die von den Klöstern neu belebt wurde, da diese den Wein für die heilige Messe benötigten. Ende des 16. Jahrhunderts gab es dort rund 1.000 Hektar Reben – doppelt so viel wie heute und über den Rhein florierte auch dessen Export.

Doch zurück in die Bündner Herrschaft, wo im Örtchen Fläsch einer der bekanntesten Schweizer Winzer residiert: Daniel Gantenbein. Weinfreunde denken bei dem Namen schnell an die Kultweine aus Pinot Noir und Chardonnay, die er zusammen mit seiner Frau Martha keltert. Auf die Teilnahme an Weinmessen und Wettbewerben können sie verzichten, denn schon seit Jahren sind ihre Weine wahnsinnig schwer zu bekommen und man muss schon im Vorverkauf Glück haben, einen Zuschlag zu bekommen. Mit Akribie pflegen die Spitzenwinzer ihren gut sechs Hektar kleinen Weinberg auf Schiefer mit Kalk, schneiden unreife Triebe zurück, entfernen faule Trauben. Der größte Teil davon ist Pinot Noir, ein Hektar Chardonnay und 20 Ar Riesling. Mehr als 25 Hektoliter pro Hektar landen nicht in der Presse. Da kann man die Zahl der produzierten Flaschen schnell errechnen. Gantenbeins vergären ihre Weine in offenen Holzbottichen und füllen sie dann in neue Barriques und später - unfiltriert und ungeschönt - auf die Flasche.

Leider sind Schweizer Weine im Ausland nur selten zu finden. Der deutsche Handel ruft für eine Flasche von Gantenbeins Pinot Noir Preise um die 140 Euro auf – nicht gesagt, dass man ihn auch bekommt, denn die Mengen sind überschaubar. Das liegt zum einen daran, dass die Schweizer ihre Weine lieben und selber trinken, weshalb kein Winzer wirklich gezwungen ist, sich auf den Export einzustellen. Weniger als zwei Prozent der Schweizer Weine gehen ins Ausland. Auf der anderen Seite ist es natürlich der Wechselkurs des Schweizer Franken zum Euro, der durch die Niedrigzinspolitik der EZB zu einer Umverteilung von den reichen zu dem armen Euro-Staaten und damit zu einer Erosion des Eurowerts führt. Viele Deutsche gehören zu den Leidtragenden dieser Politik.

Auch Gantenbeins Nachbar Peter Hermann gehört zum Winzerurgestein von Fläsch. Sein Metier hat er erst gelernt, nachdem seine Familie den Betrieb von Mischlandwirtschaft auf Weinbau umstellen wollte. 1982 kelterte er seinen ersten Jahrgang - genau wie Gantenbein. Auch ihm hilft seine Frau. Zwar liebt auch Hermann Pinot Noir, doch produziert er mehr Weiß- als Rotwein. Spannend ist sein eleganter Completer. Man nennt ihn auch Malanser Rebe, da er schon im Mittelalter in der Malanser Completerhalde angebaut wurde. Den Namen verdankt der opulente Weißwein den Churer Chorherren, die ihn gerne nach dem letzten Stundengebet, dem Complet, in der Sakristei genossen. Der autochthone säurereiche Wein ist anspruchsvoll und benötigt die wärmsten Lagen. Viele Winzer tauschten ihn deshalb gegen pflegeleichtere Rebsorten aus. Mitte des letzten Jahrhunderts war er praktisch ausgestorben. Zum Glück erlebt er inzwischen eine Renaissance, ist aber mit knapp 4 Hektar nach wie vor eine Rarität.

Gleich nebenan liegt Maienfeld, die Heimat von Heidi, deren Schöpferin Johanna Spyri sie Ende des 19. Jahrhunderts in dem Weinbauort ansiedelte. Dort erhielt sie auch Besuch von der gehbehinderten Klara, die sie als Achtjährige in Frankfurt kennengelernt hatte. Voila – ein Frankfurt-Bezug.

Auf dem dort gelegenen Schloss Salenegg wird schon seit 1068 Wein angebaut, womit das Weingut zu den ältesten bestehenden Weingütern Europas gehört, von dem aus der Weinbau in der Bündner Herrschaft seinen Anfang nahm.

Zuvor war Klara übrigens gegenüber auf der anderen Rheinseite im noblen Urlaubsort Bad Ragaz, der schon im 19. Jahrhundert mit dem Palais Hof Ragaz Bedeutung erlangte, nachdem das heilsame Quellwasser aus Bad Pfäfers in der Taminaschlucht dorthin geleitet wurde und den Ort zum Kurort machte, der inzwischen weltweit auch durch die Äbtestube des Grand Hotels Wellness-Touristen aus aller Welt anzieht.

Unser Ziel ist der Alte Torkel in Jenins. Die urige ehemalige Weinstube mit Weinbaumuseum liegt inmitten der Weinberge, die zwischen Fläsch und Malans fast ineinander übergehen. Nachdem sie in den vergangenen Jahren zum Haus des Bündner Weins umgebaut und erweitert wurde, hat sich auch die einst rustikale Küche verfeinert. Mit Christian Kaiser hat man sich einen Spitzenkoch in die neu angebaute Torkelküche geholt, der zum Wein aus der Bündner Herrschaft auch bei seinen Produkten lokal ausgelegt ist, diese allerdings kreativ einsetzt. Beim Apéro zum Wein darf natürlich Bündner Fleisch und Haussalsiz nicht fehlen.

Vor vier Jahren hat der Weinbauverein Bündner Herrschaft das Haus sanft renoviert und restauriert. Die Weinauswahl ist gewaltig und der Gast kann sich aus 150 Weinen aus der Bündner Herrschaft das aussuchen, was ihm schmeckt. Da ist die eine oder andere Trouvaille sicherlich dabei. Im neuen Ausstellungsraum gibt es dazu viel Informationen zur Geschichte des heimischen Weinbaus.

Zum Treffen mit den Winzern und der Verkostung ihrer Weine ist der Alte Torkel aber dennoch zu klein, weshalb wir ein paar Kilometer weiter nach Malans fahren. Der ungewöhnliche Name stammt noch aus der Zeit im 15./16. Jahrhundert, als Maienfeld und Malans Untertanen der drei Bünde Grauer Bund, Gotteshausbund und Zehngerichtebund waren und als Teil des Zehngerichtebunds zugleich Beherrschte und Beherrschende waren. Manche bezeichnen die Bündner Herrschaft als Burgund der Schweiz. Die 420 Hektar Rebfläche liegen vor Nordwinden geschützt zu Füssen des Rhätikons. Mildes Klima, Föhn und kalkreicher Schieferboden bilden eine exzellente Grundlage für den Wein, besonders den Blauburgunder. Die Rotweine gewinnen bei internationalen Verkostungen regelmässig Spitzenauszeichnungen

Dort, direkt am Weinberg von Peter Wegelin liegt dessen neue lichtdurchflutete Torkel Scadenagut, wo wir die Winzer der Bündner Herrschaft treffen. Wegelin hatte, nachdem die alte Schlosstorkel des Stammsitzes zu eng wurde 2003/2004 einen neue gläserne, funktionale Torkel bauen lassen, die nicht nur durch ihre schlichte Eleganz begeistert, sondern auch durch die Ausblicke auf den angrenzenden Rebberg Scadena. Die Weine aus dem Malanser Weingut von Georg Fromm brauchen sich nicht hinter denen Gantenbeins verstecken. Zusammen mit seiner Frau hatte Fromm in den 90er Jahren seine Faszination für Neuseeland entdeckt und dort ein zweites Weingut aufgebaut. Inzwischen wurde es wieder verkauft, aber einen Weinberg behielt er dort, in dem er zusammen mit seinem Partner vor Ort Weine aus Down Under produziert. Erstklassig sein Pinot Noir vom nahen Schöpfiwingert. Auch die Weine von Thomas Donatschs begeistern. Schon seit über 100 Jahren ist die Familie in Malans mit dem Gasthaus Ochsen und dem dazugehörigen Weingut aktiv. Inzwischen hat Sohn Martin nach Lehrjahren in aller Welt von den Eltern den Weinbau übernommen. Auch er keltert neben den klassischen Blauburgunder einen erstklassigen Completer. Die erst Mitte November gelesenen Trauben werden in gebrauchten Piécen gelagert, das ist der üblicherweise auch im Burgund verwendete, dickbauchige und gedrungene Fasstyp in Größe und Form des klassischen Barriquefasses. Insgesamt war die Verkostung auch ohne Anwesenheit Gantenbeins ein Schaulaufen einiger der besten Weingüter der Bündner Herrschaft, zu denen auch Thomas Studach, Obrecht oder Bovel zählen. Wunderschöner Pinot Noir und Chardonnay, tolle weiße Cuvées und immer stärker der Completer als Alleinsteellungsmerkmal der Bündner Herrschaft.

Schloss Reichenau

Schloss Reichenau GR 02

Besuch bei Gian-Battista von Tscharner

Die Tscharners sind eine alte Bündner Patrizierfamilie, der Gian-Battista als Familienoberhaupt vorsteht. Im Schloss hängt eine Karikatur des Mannes mit der wilden Haarpracht und den lebendigen Augen, die immer hin und her springen, die ihn als Hofnarr darstellt. So sieht sich der Winzer auch selbst. Aufgewachsen in Maienfeld war er im Sommer oft in Ferien auf Schloss Reichenau, wo er seit 1975 lebt und es zusammen mit seiner Mutter Ursula renovierte. Wein wächst dort am Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein nicht, aber in Jenins konnte er in den Jahren danach einen Weinbaubetrieb auf- und ausbauen. Den Schlosskeller baute er zu einer modernen Weinkellerei um, in dem er zusammen mit seinem Sohn Johann-Baptista die Bündner Weine keltert.

Wenn Gian-Battista durch das riesige Schloss führt, das ein beliebter Ort für Hochzeiten geworden ist, merkt man, wie tief er in der Geschichte seines Landes steckt. 1793 wurde der spätere französische König Louis Philippe, der auch als Bürgerkönig bekannt wurde, nach Reichenau gespült. Die Französische Revolution hatte der damals 16-jährige noch begeistert gefeiert und war den Jakobinern beigetreten, doch schon bald zwang ihn die von Danton und Robespierre angeführte Schreckensherrschaft das Land zu verlassen und unter dem „Flüchtlingsnamen“ Chabos in Reichenau als Lehrer für Geometrie und Geographie anzuheuern.

Acht Monate blieb der künftige Monarch auf dem Schloss, dann fürchtete er seine Enttarnung und reiste weiter.

Rustikal ist die Küche im Schloss. Beim Abendessen stehen die Weine von Vater und Sohn im Wettkampf. Johann-Baptista streitet dabei mit seinem italienisch benannten Vater Gian-Battista mit namensführenden Weinen. „Gian-Battista“ ist dabei die Vereinigung von Trauben aus zwei Lagen in Chur, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Der Charakter und die kräftigen Tannine aus dem „Waisenhauswingert“ verschmelzen mit dem komplexen Aroma-Cocktail aus dem Weinberg „Lochert“. Kräftig gekeltert, getragen von reifen Gerbstoffen und Aromen, geht er auf eine 30-monatige Reise in zu 50 Prozent neuen Barriques, um seine Finesse zu erreichen. Das Resultat ist ein Wein mit tiefer Farbe, starkem Charakter, großer Mittelsüsse und langer Lebensdauer. Auch der „Johann-Baptista“ stammt aus den selben Lagen in Chur, wird aber als etwas eleganterer, runderer und früher trinkreifer Wein gekeltert. Momantan hat wohl noch der Vater die Nase vorn, aber das könnte sich schon bald ändern.

Caminada Gericht - Bündner Lamm

Bündner Lamm mit Zwiebel, Champignon und Sanddorn

Erste Adresse für Gourmets: Schloss Schauenstein

Der Hinterrhein fließt vor seiner Vereinigung mit dem Vorderrhein bei Schloss Reichenau in Richtung Süden. Nach wenigen Kilometern liegt Schloss Schauenstein malerisch über dem Fluss. Das Schloss hat Andreas Caminada vor 15 Jahren für seine Genuss Werkstatt gepachtet. Der 41-jährige Bündner wurde für sein dortiges Restaurant mit drei Michelin-Sternen und 19 Gault-Millau-Punkten ausgezeichnet und rangiert seit Jahren ununterbrochen unter „The World's 50 Best Restaurants“. In Sachen Wein steht ihm dort mit der jungen Deutschen Anna-Lena Junge die nach Gault-Millau Schweiz derzeit beste Sommelière des Landes zur Seite. Unter den 900 Weinen auf ihrer Weinkarte findet sich eine immense Auswahl aus der Bündner Herrschaft. Hier hat man eine gute Chance die Weine von Daniel und Martha Gantenbein zu bekommen, die im eigenen Gantenbein-Keller eingelagert sind.

Aber auch andere Weine ohne viel Schnickschnack finden sich in ihrem Angebot. Wenn sie nicht im Restaurant ist, findet man sie meist unterwegs in den Weinbaugebieten der Welt, wo sie nicht das Bekannte und Vertraute, sondern spannende kleinere Betriebe sucht, die passende Weine für die Küche Caminadas keltern.

Graubünden hat also sowohl beim Weine wie beim Gastronomischen einiges zu bieten. Eine gute Möglichkeit sich selbst einen Eindruck zu verschaffen hat der deutsche Weinfreund entweder vor Ort oder bei der alljährlich Ende August in Zürich stattfindenden Veranstaltung Swiss Wine Tasting, einer großartigen Verkostung mit den besten Schweizer Winzern.

(c) Magazin Frankfurt, 2018