Kurzbesuch in Groningen

Groningen

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Park+Ride in Groningen

Kaum habe ich das Auto auf einem der Park and Ride-Plätze (groningen-info.de/park-and-ride.html) am Stadtrand abgestellt, kommt auch schon ein Bus vorbei, der uns im Eiltempo in eines der hübschesten historischen Stadtzentren der Niederlande bringt.

Die Stadt verfügt über ein dichtes Netz an Stadtbussen, von denen etliche auch nachts fahren. Wer mit dem Wagen ins Zentrum fährt, braucht Geduld und findet nicht sehr leicht einen freien Parkplatz.

Welt-Fahrradstadt Groningen

Die meisten Groninger stört das wenig, denn sie sind mit dem Fahrrad unterwegs. Groningen ist das Musterbeispiel einer Fahrradstadt. Über 30 Prozent der Wege wird hier auf zwei Rädern bewältigt. Auch von Pendlern. Tendenz: steigend. Über 9.200 Fahrräder können allein am Hauptbahnhof in Ständern oder in einer eigenen Fahrradgarage abgestellt werden. Eine jüngere Untersuchung des österreichischen Verkehrsclubs zählt Groningen deshalb zu den fahrradfreundlichsten Städten Europas und die amerikanische NGO Streetfilms (www.streetfilms.org) kürte Groningen 2013 sogar zur Welt-Fahrradstadt.

Fahrradfahrer haben in Groningen ganz klar die besseren Karten. Besonders im Stadtkern, wo man den Autoverkehr einschränken will, ist das Fahrrad deutlich schneller als Auto oder Bus. Bei so großer Beliebtheit wundert es nicht, dass die Niederländer ihm einen viel kürzeren Namen geben: fiets. Überall in der Stadt stehen die fietsen herum und eigentlich gehört in einer Fahrradstadt wie Groningen eine Radtour auch für Touristen zum Pflichtprogramm, wenn man die schönsten Gebäude und Kunstwerke mit dem Fahrrad erkunden will. Als Fußgänger sollte man die Fahrradwege meiden. Fahrräder kann man für rund 10 Euro pro Tag ausleihen, wer es bequemer mag, bekommt für den doppelten Preis ein E-Bike. (http://www.fietsverda.nl)

Groningen und die deutschen Studenten

Studentische Stadtführer

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Für Norddeutsche ist Groningen die erste größere Stadt hinter der grünen Grenze. Trotz ihrer fast tausendjährigen Geschichte ist sie dank ihrer Universität aus dem Jahr 1614 und der größten Fachhochschule des Landes eine sehr junge Stadt. Jeder vierte Einwohner ist Student einer der beiden Hochschulen. Das sieht man nicht nur tagsüber an den vielen jungen Menschen, die auf dem Rad die Stadt durchqueren, sondern auch abends und nachts, wenn die Kneipen keine Sperrstunde kennen.

Auch die deutsche Oppositionsführerin Sarah Wagenknecht von den Linken, machte an der renommierten Universität ihren Magister.

Doch nicht nur die Frau von Oskar Lafontaines hat sich Groningen als Studienort gesucht. Zehntausende junge Deutsche besuchen niederländische Hochschulen, nicht immer gern gesehen von der Regierung in Den Haag, der die Gäste langsam zu teuer werden und die inzwischen nur noch die besten ins Land lassen möchte.

Auf Stadtrundgang durch das Zentrum

Für deutsche Besucher hat das Vorteile, denn inzwischen wurde eine größere Zahl junger Deutscher zu Fremdenführern geschult, die abwechselnd Schulklassen, Senioren oder Kegelvereine durch ihre Studentenstadt führen. Das Angebot hat sich inzwischen herumgesprochen und viele deutsche Gruppen lockt das Angebot des Stadt-Marketing in die Region, die dem Leitspruch „Er gaat niets boven Groningen“ (Nichts geht über Groningen) folgen. Jeden Samstag um 13:30 Uhr startet übrigens am Grote Markt eine offene studentische Stadtführung.

Dort starten auch die meisten anderen Rundgänge durch das lebendige und kompakte Zentrum der Stadt. Der Grote Markt wird überragt vom 97 Meter hohen Wahrzeichen der Stadt, dem Martiniturm mit der gleichnamigen Kirche.

Wer mag, kann den über 500 Jahre alten Turm aus Bentheimer Sandstein auf einer steilen Wendeltreppe mit über 260 Stufen erklimmen und wird dafür belohnt mit einem zauberhaften Ausblick. Auf halber Höhe gibt es aber zuvor erst mal eine landestypische Stärkung von der studentischen Stadtführerin. Matjes isst man hier mit dem Kopf im Nacken, erklärt sie. Der Fisch gleitet direkt von oben in den offenen Mund. Dazu einen Wacholderschnaps, den Genever, den man am besten in kleinen Schlückchen genießt.

Dann geht es weiter nach oben. Doch Vorsicht – es kann laut werden, denn beim Auf- und Abstieg passiert man den noch immer von Hand geläutete Carillon mit insgesamt über 60 Glocken. Arp Schnitger, einer der berühmteste Orgelbauer der Barockzeit, schuf die Hauptorgel der Kirche, eine der größten Barockorgeln Nordeuropas.

Einkaufsparadies Groningen

Mehr Zeit als bei einer Stadtführung bleibt, sollte man sich für die “schönste Einkaufsstraße der Niederlande” nehmen: die Folkingestraat mit ihren Boutiquen, Kunstgalerien und den charmanten Läden voller Krimskrams und ungewöhnlichem Spekulatiusgebäck.

Nicht nur die Synagoge der jüdischen Gemeinde befindet sich dort, auch das Groninger Rotlichtviertel und „De Vliegende Hollander“, der älteste Coffeeshop der Stadt, in dem Drogen wie Cannabis gekauft und vor Ort konsumiert werden können, liegt in dem Viertel.

Besuch in den Hofjes

Keinesfalls versäumen sollte man einen Besuch der Hofjes. Das sind aus einzelnen Wohnhäusern und Gemeinschaftseinrichtungen bestehende Wohnanlagen, die sich rund um einen stillen zentralen Innenhof gruppieren. Einst wurden sie von reichen Kaufleuten als kostenlose Altenwohnungen für ihre Bediensteten gestiftet.

Doch mietfrei wohnen dort heute meist nur noch die betuchten Besitzer, nachdem viele der Anlagen privatisiert und renoviert wurden. Doch auch bei Künstlern und Studenten sind sie sehr beliebt.

Übernachten in Groningen

Bei einem Wochenendbesuch ganz klar die Nr. 1 unter den Hotels der Stadt ist der zentral aber sehr ruhig gelegene Prinsenhof (www.prinsenhof-groningen.nl) direkt am Martinikerkhof. Das Hotel mit seinen frisch renovierten 34 Zimmern und bis zu 70 qm großen Suiten befindet sich in einem denkmalgeschützten Gebäude, das früher einem Orden gehörte. Das Restaurant gehört zu den besten der Stadt.

Das zugehörige Grand Café war früher die Kirche des Ordens. Seinen heutigen Namen bekam es im späten 16. Jahrhundert, als es die als Statthalter herrschenden Prinzen von Nassau als offizielle Residenz wählten. Der zauberhafte Prinsentuin Garten mit seinen imposanten Hecken in Form von Initialen stammt aus dieser Zeit. Später wurde es Militärspital, Kaserne und Radiostation und schließlich Hotel.

Die größte Kneipe Europas

Lauter und wuseliger geht es rund ums Grand Hotel de Doelen direkt am Grote Markt zu, dessen große Jahre schon hinter ihm liegen. Seine riesige Kneipe „De Drie Gezusters“, was so viel wie „die drei Schwestern“ heißt, gilt mit seinem über vier Etagen verteilten Labyrinth von Theken und Bars als größte Kneipe Europas. Gegenüber beim Rathaus liegt das alte Goudkantoor, ein prachtvoller Bau im Stil der niederländischen Renaissance, der vom Reichtum der Stadt während des Goldenen Zeitalters zeugt und in dem sich heute das Fremdenverkehrsamt befindet und wo man im Restaurant eine der örtlichen Spezialitäten probieren kann, die „Groninger Marne Mostersoep“, eine Senfsuppe mit angenehmer Schärfe.

Schon im 14. Jahrhundert schloss sich Groningen der Hanse an, einer mächtigen Kaufmanns-Vereinigung. Die alte Tradition wird im Het Hanze Huis (www.hethanzehuis.nl) aufrecht gehalten, in dem man typische Produkte der europäischen Hansestädte, wie Lübecker Marzipan, „Bang’s Jam“ aus Kopenhagen oder „Mr. Stanley’s Fudge“ aus London bekommen kann.

Wer möchte, kann bei Stadtrundgang auch an ein Kunstwerk pinkeln. Am Kanalufer an der Kleine der A hat der berühmte niederländische Architekt Rem Koolhaas vor 20 Jahren für eine Kulturveranstaltung ein Kunstpissoir aus Milchglas errichtet und vom Meisterfotografen Erwin Olaf bebildern lassen. Da lohnt es sich, die Hose herunter zu lassen.

Grachtenfahrt durch Groningen

Groningen ist vom Wasser umgeben und an zahlreiche Wasserwege angeschlossen, auf denen man die Stadt und das Umland per Boot erkunden kann. Auf einer Grachtenfahrt bekommt man einen guten Eindruck von der Stadt. An einigen Brücken kann man dabei eine Überraschung erleben, denn es sind Klappbrücken, bei denen beim Öffnen Kunstwerke aus dem Projekt „Kunst unter Brücken“ zum Vorschein kommen. Unter der Oosterbrug befestigte Peter de Kan ein Gedicht des Groninger Künstlers H.N. Werkman, der kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs wegen seiner Kunst von den deutschen Besatzern erschossen wurde.

Erkennen kann man es erst bei geöffneter Brücke, nachdem die einzeln aufgehängten Buchstaben die Strophen erkennbar machen. Unter der Herebrug hat Rommert Boonstra auf großer Leinwand das Foto einer Hafenansicht in Groningen angebracht und die Unterseite der Werkmanbrug beim Groninger Museum verzierte der Belgier Wim Devoye mit dem Fliesen-Tableau eines Kinderspiels in Delfter Blau, das ihm einen traditionell holländischen Charakter verleiht. Meist verzichten die flachen Ausflugsboote auf hochgeklappte Brücken und Kapitän und Fahrgäste müssen bei einigen davon den Kopf einziehen, um nicht schmerzlich zusammenzustoßen.

Ein Besuch im Groninger Museum

Wo wir gerade bei Groninger Museum sind. Schon der 1994 entstandene Bau des wie ein Schiff von Wasser umgebenen Hauses ist sehenswert und stammt von dem italienischen Designer und Architekten Alessandro Mendini. Mendini hatte dafür – man kann es fast wörtlich nehmen - auch den französischen Stardesigner Philippe Starck und den US-Künstler Frank Stella ins Boot geholt. Von einigen der Flure im Museum schaut man direkt aufs vor dem Fenster schwappende Wasser.

Zurzeit läuft dort gerade eine David Bowie-Ausstellung, die nach einem weltweiten Millionenerfolg in Groningen ihr europäisches Finale feiert. Bowie, der von "Heroes" bis zu seinem Alter Ego "Ziggy Stardust" mit eingängigem Sound und androgynen Auftreten die Popmusik des 20. Jahrhunderts prägte, ist in der multimedialen Ausstellung durch seine Musik und eine Sammlung von Fotos, Manuskripten und Originalkostümen vertreten.

Tickets für die bis zum 13. März 2016 laufenden Ausstellung sollten wegen des großen Interesses online vorbestellt werden.

Doch auch ohne Bowie lohnt die eigene Sammlung ein Besuch des Museums. In der Schatzkammer ist die umfangreiche Sammlung an Groninger Silber mit schönen Gravuren zu sehen, denn Groningen war über Jahrhunderte eine bedeutende Silberstadt. Ein anderer Saal zeigt Meisterwerke aus dem Goldenen Zeitalter, als die Niederlande durch die Monopolgeschäfte der Vereinigten Ostindien Kompanie, dem weltgrößten Handelsunternehmen reich wurden und reiche Händler und Patrizier bei Künstlern wie Rembrandt, Hals, Steen und Vermeer Porträts, Landschaftsbilder und Stadtansichten in Auftrag gaben.

Wohnen auf dem Hausboot

Manche Bewohner Groningens haben ihren Traum vom Wohnen auf dem Hausboot auf den Grachten verwirklicht. Deren Aussehen kann unterschiedlicher kaum sein. Wohnen die einen auf traditionellen Binnenseglern, haben andere ausrangierte Frachtschiffe oder Holzhäuser gewählt, die auf einer Unterkonstruktion aus Stahl oder Beton im Wasser schwimmen. Manche sind klein und einfach, andere luxuriös und groß. So ein schwimmendes Haus braucht nicht nur besondere Technik, sondern auch ein bisschen extra Pflege. Denn nicht nur Regen und Sturm suchen sich seinen Weg hinein, sondern auch das Wasser auf dem es schwimmt. Ohne Rundum-Dichtung geht gar nichts.

Kaufen kann man die Hausboote bei spezialisierten Maklern, die schon Bleiben ab 50.000 Euro anbieten. Doch was sich beim ersten Blick noch als günstiges Eigenheim anschaut, kann sich beim genaueren Hinsehen als teurer Spaß entpuppen. Neben der oft notwendigen Renovierung kommen noch die Kosten für einen Liegeplatz hinzu – und feste legale Plätze in der Stadt sind nicht nur in Groningen knapp und das Angebot von Booten mit Liegeplatz sind knapp und teuer. Kurzzeitgäste können bei airbnb hineinschnuppern und ein die Chance Hausboote für ein paar Tage zu mieten.

Abschied von Groningen

Wenn es zurück in die Heimat geht, sollte man ein paar Souvenirs nicht vergessen. Dazu gehört aus Holland natürlich der Käse. Der "Kaashandel van der Ley" (www.kaasvanderley.nl). hat davon über 300 Sorten im Angebot. Ein schöner Käse der Region ist zum Beispiel der Rohmilchkäse Boerenkaas (Bauernkäse).

Literatur

Wolfgang Stelljes stellt in seinem lesenswerten Reiseführer "Groningen – die junge Kulturstadt" vor. Der handliche Führer mit seinen 128 Seiten ist 2013 in der Edition Temme erschienen. ,ISBN 978-3-8378-3004-0, 9,90 Euro

Michael Ritter/praegnant.info

(c) Magazin Frankfurt, 2017