Kultur und Gastronomie in Nordhessen

Relais & Chateaux Schloss Hohenhaus

(c) Relais & Chateaux Schloss Hohenhaus

Hideaway Schloss Hohenhaus

Gemütliche Suiten aus Schloss Hohenhaus

(c) Relais & Chateaux Schloss Hohenhaus

Das Hotel hat einen geradezu legendären Ruf als Hideaway für Jäger. Mit gerade mal 20 Zimmern versteckt sich Schloss Hohenhaus inmitten eines riesigen Waldgebiets. Ohne Navi ist man so gut wie aufgeschmissen. Früher, als noch die deutsch-deutsche Grenze das Land teilte war der Südringau weit entfernt von den politischen und wirtschaftlichen Zentren des Landes. Nur wenige Kilometer entfernt war das kleine Städtchen Herleshausen einer der wenigen Grenzübergänge für Transitreisende nach Berlin.

Schon in den 1930er Jahren kaufte der „Leserkreis Daheim“-Gründer Richard Ganske das Schloss mitsamt Land- und Forstwirtschaft von einem königlich-preußischen Kammerherrn und Rittmeister, der das Herrenhaus zu Beginn des Jahrhunderts im Stil der Neorenaissance umgebaut hatte und sich aus wirtschaftlichen Gründen davon trennen musste.

Ganskes Sohn Kurt, der das Geschäft seines Vaters ausbaute und nach dem Zweiten Weltkrieg den Jahreszeiten-Verlag gründete, lies Ende der 1950er Jahre das in die Jahre gekommene Anwesen renovieren und modernisieren. Für den leidenschaftlichen Jäger war das abgeschiedene Anwesen ein Glücksfall und er verbrachte viel Zeit im Werra-Meißner-Kreis.

Wer anreist, sieht zuerst das Schloss, davor liegt der ehemalige Pferdestall mit Kutschenremise, die 1990 der Frankfurter Architekt Jochem Jourdan in ein komfortables Landhotel verwandelte. Die historische Fassade auf der Hofseite blieb erhalten.

In der Nähe liegt der Gutshof mit Ställen für Schafe, Hühner, Schweine und Pferde. Gerade erst sind junge Lämmer zur Welt gekommen, die unter Obhut ihrer Mütter fröhlich auf der Weide spielen.

Wer sich Zeit nimmt und den weitläufigen Park mit Blicken hinein ins Rotbuchental durchstreift kann den ein oder anderen Greifvogel beobachten, der dort jagt, Schwarzstörche, die sich niedergelassen haben und Bienen die umherschwirren und Nektar in der reichen Blütenpracht von Wald und Wiese sammeln. Man kann sie gut verstehen, dass sie dies Idyll mögen, den leider ist nicht das ganze Land so gut geschützt, wie die Wälder entlang der ehemaligen Zonengrenze, die jetzt als „Grünes Band“ die Wanderer anlockt. Auch Luchse und Wildkatzen lieben die Abgeschiedenheit der großen Waldgebiete.

Die Ausstattung der Zimmer und Suiten des Hotels ist klassisch edel. Im Lauf der Jahre haben erst Kurt Ganske und später sein Sohn Thomas den renommierten Hoffmann und Campe Verlag und andere Premiumverlage erworben. Da wundert es nicht, dass der Gast schon am Empfang von Merian-Heften willkommen geheißen wird, und auch im Hoteltrakt Erstausgaben vieler Verlagsautoren stehen, die auch selbst gern den angenehm ruhigen Komfort des Hotels nutzen und genutzt haben, um dort entspannt große oder kleinere Literatur zu schaffen.

Peter Niemann mit Team am Pass

(c) Relais & Chateaux Schloss Hohenhaus

Sterneküche im La Vallée verte

Krähe aus dem La Vallée Verte

(c) Relais & Chateaux Schloss Hohenhaus

Es dürfte Thomas Ganske schon etwas gewurmt haben, als das Gourmetlokal seines schicken Schlosshotels, das Mitglied der elitären Relais & Châteaux-Vereinigung ist, 2014 seinen Michelin-Stern verlor. Ganske gibt in seinem Jahreszeitenverlag nicht nur den angesehenen Feinschmecker und eine ganze Palette anderer Magazine rund ums Essen, Trinken und Reisen heraus, sondern vertreibt mit Travel House Media auch die Michelin Guides im deutschsprachigen Raum.

2017 zog er die Konsequenzen und berief mit dem 1975 in Leipzig geborenen Peter Niemann einen Sternkoch zur Neuaufstellung des Hotels und Restaurants als Küchenchef und Hoteldirektor. Niemann hat sein Handwerkszeug im Leipziger Hotel Astoria gelernt, zog dann durchs Land und kochte mit im Hirschen in Sulzburg, bei den Obauers in Werfen, im Baseler Stucki und zahlreichen anderen Stationen, in denen er zum Teil Praktika absolvierte. Als Betriebsleiter im schmucken Leipziger Herrenhaus Möckern holte er für dessen Gourmetrestaurant Residenz den begehrten Michelin Stern. Gedankt hat es sein Arbeitgeber dem selbstbewussten Koch, der sich selbst als durchsetzungsstark und zielgerichtet bezeichnet und mit inzwischen acht Neueröffnungen ein bereichsübergreifendes Planen und Denken bewiesen hat, nicht.

Seine väterliche Herkunft von der rauen Küste der der Bretagne kann und will Niemann nicht abstreiten. Die Gegend um Concarneau an der bretonischen Südküste, die vom Fischfang lebt und aus der seine Ahnen stammen liefere, wie er sagt rau und ehrlich einen Teil seiner DNA. Bei der Wahl zwischen einem Schlosshotel im Taunus und dem Jagdschloss in Nordhessen wurde Niemann dann mit Ganske einig, der ihm den nötigen Spielraum bei den Planungen ließ.

Ganskes Rechnung ging auf. Ende Februar bekam Niemann für sein im Sommer 2018 im Hotel eröffnetes neues Restaurant „La Vallée Verte“– das grüne Tal – einen Michelin-Stern. So ganz zufrieden mit dem neuen Restaurant ist Niemann noch nicht. Zwar wird es in der nordhessischen Provinz mit seinen 15 Plätzen von den Einheimischen nicht gerade überrannt, die schon große Augen bekommen, wenn sie die anspruchsvolle Speisekarte und vor allem deren Preise sehen, doch ist die Ortswahl im ehemaligen Frühstücksraum neben dem traditionell ausgelegten „Hohenhaus Grill“ nicht optimal.

Niemann orientiert sich bei seiner aromaintensiven Küche zu einem Teil an der bretonischen Heimat seiner Ahnen, die er gekonnt mit Produkten aus der Region verbindet. „Ich koche nicht Französisch. Ich koche Bretonisch“ sagt er. Als verbindendes Element von Ringgau und Département Finistère und ihrer Kochstile hat Niemann deren Ehrlichkeit und Schnörkellosigkeit identifiziert, bei der fehlerhafte oder minderwertige Ware sofort auffallen würde.

Auch wenn mancher der Produzenten aus der Region im eigenen Land leider (noch) nicht viel gilt - da geht es ihm wie viele Propheten - so können sie froh sein, mit Niemann einen überzeugten Fürsprecher gefunden zu haben.

Zum Beispiel Udo Zimmermann, der auf den nahen Bioland-Betrieb Nordhof regionale Spezialitäten wie das Huhn Lohmann Braun züchtet, das Niemann mit Lauchasche, Kastanien-Essig und gebackenem Hahnenkamm serviert. Oder das auf dem hauseigenen Gut gezüchtete Braune Bergschaf, das schon auf der Roten Liste der gefährdeten Haustierrassen steht.

Niemann sucht sich jeden seiner Lieferanten persönlich aus und nutzt das Gespräch mit ihnen um nur beste Qualität zu bekommen. Das macht bei weitem nicht jeder seiner besternten Kollegen bei Relais & Châteaux, die oft an der Qualität vor Ort zweifeln und lieber Bekanntes und Teures von renommierten Produzenten aus der Ferne einkaufen, um die hohen Preise der Sternegastronomie zu rechtfertigen.

Hohe Preise zeichnen auch das „La Vallée Verte“ aus, dessen Speisekarte in zwei Menüs unterteilt ist: ein achtgängiges regionales Menü „Hohenhaus edelsauer“ und das neungängige „Feinschmeckermenu¨ á la breton“. Preislage: zwischen 113 für fünf Gänge des regionalen und 183 Euro für alle 9 Gänge des bretonischen Menüs. Beiden voran Penn ar Bed, das ist der bretonische Name von Finistère und bedeutet so viel wie Anfang der Welt sind sechs weitere Amuse-Gueule, wie 2012er Jahrgangssardine. Auch sonst ist die Speiskarte ungewohnt, wenn es Krähe gibt, geschossen von seinem Mitarbeiter Thomas Gross am nahen Schlossberg, gebraten und geschmort - bei Jagderfolg – mit „Winterkarotte aus der Sandmiere mit Schokolade und Stopfleberflocken“.

Doch schrecken die hohen Preise die Gäste aus der Region nicht ab? „Ob im „La Vallée Verte“ oder im „ Hohenhaus Grill“ – bei beiden Restaurants stehe ich mit derselben Mannschaft hinter dem Herd“ sagt Niemann. Und bei einem dreigängigen Brandenfels Menü für 39 Euro im Hohenhaus Grill mit Crémesuppe mit Wintertrüffel von der Petersilienwurzel, Wildschweinbraten aus eigener Jagd mit Rahmwirsing und Serviettenknödel und einem köstlichen Hohenhaus Apfelstrudel dürfte sich niemand über einen zu hohen Preis beschweren. Ob das so bleiben wird? Nach dem Umbau des Herrenhauses mit weiteren Zimmern soll das „La Vallée Verte“ dorthin umziehen und mit rund 20 Plätzen die Gäste willkommen heißen.

Niemann sieht dabei den Ringgau zwar als teils unberührte Natur, doch ist auch dort die Zeit nicht stehen geblieben. Was in den Metropolen als „Farm to Table Konzept“ strengt logistisch geplant werden muss, kann hier - mit ein bisschen Suche und Abstimmung mit den Lieferanten - ohne größeren Aufwand betrieben werden und ist für den ehrgeizigen Küchenchef, der sich nicht mit einem Michelin-Stern begnügen möchte, eine Selbstverständlichkeit.

Kultur in Nordhessen - das Team

von links: Christian Stötzer, Stephan Köhler (beide Bachfest Eisenach), Peter Niemann (Schloss Hohenhaus), Joern Hinkel, Marc Seitz (beide Bad Hersfelder Festspiele, Foto (c) Michael Ritter

Kultur Nicht nur in Nordhessen

Schattige Wadwege

(c) Relais & Chateaux Schloss Hohenhaus

Auch kulturell tut sich einiges im Schloss. Anfang April hat Niemann die schwedische Sängerin Viktoria Tolstoy eingeladen. Diese hat, da der Name ihres Ururgroßvaters mütterlicherseits, des legendären russischen Nationaldichters, besser wirkt als ihr Geburtsname Kjellberg, dessen Namen angenommen. Sicher verschafft der ein besseres Entrée, aber eigentlich hätte das die Sängerin mit der melodisch swingenden Stimme gar nicht nötig. In der Hohenhauser Eventscheune präsentiert sich Viktoria Tolstoy am Samstag, den 6. April 2019 mit ihrer Band und bietet dem Publikum das, wofür ihre Stimme bestens geeignet ist: eine angenehme Mischung aus Jazz, Pop und Soul. Oft arbeitet die Sängerin mit ihrem Produzenten und Landsmann Nils „Mr. Red Horn“ Landgren zusammen. Der Posaunist und Sänger gehört seit Jahrzehnten zum Urgestein des europäischen Jazz und bereitete mit seinem Hohenhaus-Konzert im Vorjahr den Boden für den Besuch Viktoria Tolstoys vor.

Doch auch für die Region möchte Peter Niemann etwas tun und als Brückenbauer Ost und West verbinden. Nur 50 Kilometer entfernt und über die nahe Autobahn schnell zu erreichen liegt Bad Hersfeld, knapp halb so weit das thüringische Eisenach. Mit Joern Hinkel von den Bad Hersfelder Festspielen und Christian Stötzner und Stephan Köhler, den Organisatoren der Bach Festspiele hat Niemann dort die passenden Partner gefunden.

Die nordhessische Kreisstadt ist schon seit Jahrzehnten jeden Sommer im Juli und August Austragungsort der Bad Hersfelder Festspiele. „Salzburg des Nordens“ nennen es einige. Angefangen hatte es schon Ende des 19. Jahrhunderts, als Konrad Duden, der Schöpfer des bekannten Rechtschreibewörterbuchs, Direktor des örtlichen Gymnasiums war, sich für Volksfestspiele in der Ruine der im Siebenjährigen Krieg zerstörten alten Stiftskirche, eine der größten romanischen Basiliken nördlich der Alpen, stark machte. Erst 1951 wurde der Plan dann aber wirklich in die Tat umgesetzt. Mit dem Max Reinhardt-Schüler Johannes Klein als Intendanten, sollten die Festspiele nach dem Vorbild der Salzburger Mysterienspiele stattfinden. Mit Schauspielern wie Lil Dagover, Paula Wessely, Attila Hörbiger, Elisabeth Flickenschildt und Ida Ehre gewann Klein schnell große Aufmerksamkeit und schon im Folgejahr eröffnete Bundespräsident Heuss die Festspiele auf die größte Bretterbühne Deutschlands.

Fast alle Großen von Bühne und Film traten in den kommenden Jahren auf der 1.400 Quadratmeter großen Bühne von bis zu 1.600 Zuschauern auf. Während die Zuschauer seit einem guten halben Jahrhundert vor Wind und Regen durch Frei Ottos gewaltiges wandelbares Dach aus Trevira geschützt sind, müssen die Mimen auf der Bühne ihr Spiel teils im Regen präsentieren. In den Jahren 2015 bis 2017 war Dieter Wedel Intendant, bis dieser nach alten Vorwürfen zurücktrat und sein Stellvertreter und langjähriger Mitarbeiter, der Berliner Joern Hinkel, seinen Posten übernahm. Seitdem, so bestätigen die Schauspieler, klingen im Theaterbezirk verträglichere Töne.

Für 2019 hat Hinkel Kafkas „Der Prozess“ auf den Spielplan gesetzt und selbst dessen Inszenierung übernommen. „Kafka ist ein lustvoller Beschwörer der kleinen Absurditäten des Alltags, ganz klar ein Vorbild für die peniblen Wortverwicklungen eines Loriot, für den schwarzen Humor der Coen-Brüder oder die surrealen Traumlandschaften eines René Magritte.“ Mit Marianne Sägebrecht hat er dafür einen echten Hollywood-Star in die kleine Festspielstadt geholt. Ihr zur Seite unter anderem Klimbim-Nummerngirl Ingrid Steeger als Nachtclub-Sängerin. Als Musical kommt eine Inszenierung des Broadway Musicals Funny Girl Aus dem Vorjahr übernommen wurde „Shakespeare in Love“ nach dem Drehbuch des gleichnamigen Films und das Musical Hair. Auch an die Kinder hat Hinkel mit dem Musical „Emil und die Detektive“ nach der Geschichte von Erich Kästner gedacht.

Erst zum dritten Mal findet vom 31. Oktober bis 3. November das Eisenacher Bach-Festival statt und bietet neben der Musik des berühmten Sohnes der Stadt. Die Konkurrenz bei Bach ist groß. Auch andernorts wird der große Kirchenmusiker gefeiert, besonders in Leipzig, wo er als Thomaskantor den größten Teil seiner Schaffenszeit verbracht hat und dort auch gestorben ist. Doch auch Eisenach und die Georgenkirche, in der Bach getauft wurde, haben einiges zu bieten. „Die Menschen sollen sich wohlfühlen“ wünscht sich Kantor Christian Stötzer. Gar nicht so einfach, das Festival auch über die Landesgrenze bekannt zu machen. Als Stötzer beim Hessischen Rundfunk um Ankündigung bat, verwies man ihn an den MDR. Zu groß ist auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung die immer noch in Organisation, bei den Medien und in den Köpfen der Menschen existierende Grenze zwischen Ost und West. Stötzer würde gerne mehr hessische Gäste in Eisenach begrüßen. Das Programm ist hochkarätig. Für die h-Moll-Messe kommt der Bach-Chor aus dem japanischen Osaka nach Eisenach und mit der Ausweitung auf die Wiener Klassik bietet die ThüringenPhilharmonie Gotha-Eisenach am Reformationstag ein Programm von Bach ist Haydn und Mozart.

Joern Hinkel versucht ebenfalls die grenzüberschreitende Partnerschaft zu fördern und bietet Ticketkäufern des Eisenacher Bachfests einen zehnprozentigen Rabatt auf die Karten der Bad Hersfelder Festspiele. Auch Hinkel spürt die 150 Kilometer Entfernung zum Rhein-Main-Gebiet, die viele Kulturfreunde dort von einem Besuch in Bad Hersfeld abhält.

Mit einem Besuch auf Hohenhaus überschreitet in diesem Jahr erstmals das Bach Fest auch mit seinen Veranstaltungen die Grenze nach Hessen. Beim „Bachfest unterwegs“ stehen am 1. November ein Konzert für Trompete und Orgel auf dem Programm. Dazu verspricht Peter Niemann kulinarische Leckereien aus seiner Küche. Ein Besuch in der Region lohnt also. (c) Michael Ritter

(c) Magazin Frankfurt, 2019