Usedom – Hochkultur in der Gedenkstätte

Ostseeufer auf Usedom

(c) Michael Ritter

Ostseestrand bei Ahlbeck

(c) Michael Ritter

Gut, der Sommer ist kalendarisch in diesen Tagen gelaufen, doch nach wie vor lockt die strahlende Sonne zahlreiche Gäste auf die idyllische Ostseeinsel im Nordosten Deutschlands. Neben guten Wetter hat die Insel auch für Kulturfreunde einiges zu bieten – zum Beispiel das Usedomer Musikfestival. Dafür haben die Organisatoren rund um Intendant Thomas Hummel nicht nur in den glanzvollen Kaiserbädern mit ihrer beeindruckenden Bäderarchitektur einen bunten Strauß hochkarätig besetzter Musikveranstaltungen organisiert, sondern auch einige architektonische Highlights der Insel als Veranstaltungsorte eingebunden, wie das Turbinenhaus der einstigen V2-Raketenforschungsanstalt Peenemünde, Schloss Stolpe oder die malerische Landkirche von Liepe.

Über den kleinen Flughafen Heringsdorf ist die Insel seit 2008 in der Hauptsaison von Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt und Stuttgart schnell und bequem per Flugzeug zu erreichen. Von Berlin ist man mit dem Auto in rund drei Stunden auf Usedom, von Hamburg aus dauert es eine halbe Stunde länger. Die Anreise mit der Bahn gleicht einer Tortour. Nur dreimal täglich bringt nachmittags ein IC oder ICE von Berlin zum Umsteigebahnhof Züssow, von wo aus die Usedomer Bäderbahn Besucher über Zinnowitz nach Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck sowie ins polnische Swinemünde fährt. Meist sind es Regionalzüge, in denen Urlauber kaum ihre Koffer unterbringen können.

Das war nicht immer so. „Badewanne Berlins“ nannte man einst die Kaiserbäder auf Usedom. Noch immer ragen bei Karmin an der Peene alte Brückenfundamente empor. Die zugehörige Brücke, zuvor Europas modernste Eisenbahnbrücke, hatte die Wehrmacht in den letzten Kriegstagen gesprengt, um den Vormarsch der Roten Armee zu verzögern. Ein hilfloses Unterfangen. Zweieinhalb Stunden dauerte 1934 die Fahrt im durchgehenden Zug bis Swinemünde, heute im besten Fall 95 Minuten länger – trotz ICE. Viele Usedomer und Berliner wünschen sich die alte schnelle Zugverbindung zurück, die einst Literaten wie Mann und Tucholsky nach Usedom brachte, doch seit der Sprengung der Brücke nimmt der Zug aus Berlin nicht mehr direkten Kurs auf die Insel, sondern zuckelt mit Umweg über Wolgast über die Insel. Vorteilhaft höchstens für Gäste, die in Zinnowitz Quartier gesucht haben. Doch es ist müßig, sich über die Deutsche Bahn zu ärgern.

Turbinenhalle Kraftwerk Peenemünde

(c) Michael Ritter

Peenemünde Heeresversuchsanstalt und Wiege der V2

Historisch-Technisches Museum Peenemünde

(c) Michael Ritter

Unser erstes Ziel auf der Insel ist Peenemünde. Schon kurz nachdem der Bummelzug Zinnowitz verlassen hat, erreichen wir die Außenzonen der einst 25 Quadratkilometer großen ehemaligen Heeresversuchsanstalten. Von 1936 bis zum Kriegsende war es Europas größte militärische Forschungszentrum. Bis zu 12.000 Menschen arbeiteten dort gleichzeitig unter deren technischen Direktor Wernher von Braun an neuartigen Waffensystemen, wie dem ersten Marschflugkörper der Welt und der ersten funktionierenden Großrakete. Nur linientreue Ingenieure und kontrollierende Wehrmacht wohnte komfortabel im benachbarten Karlshagen, die harte Arbeit erledigten Zwangsarbeiter aus dem Kriegsgefangenen-Lager und dem KZ-Außenlager.

Die bigotten Amerikaner störten sich nach dem Krieg wenig an der fragwürdigen Gesinnung der Ingenieure und Techniker, die sie nahtlos und ohne sie je zur Verantwortung für ihre Gräueltaten zu ziehen in ihr eigenes Raketenprogramm einbanden. Vielen Amerikanern ist noch immer unbekannt, dass von Braun und andere ihrer Idole beim Wettlauf zum Mond glühende Nazis waren, die ohne Skrupel Terrorwaffen gegen die Bevölkerung bauten, die ab 1944 als „Vergeltungswaffen“ zum Einsatz kamen.

Eindrucksvoll ragt am Peenemünder Hafen der Bau des Kraftwerks mit seiner riesigen Turbinenhalle empor. Das monumentale Steinkohle- Kraftwerk erinnert mit seinem kubischen Bau mit dunkler Klinkerfassade an frühere große Kraftwerksbauten. Durch die Nähe zum Hafen konnte Kohle effizient über eine Förderbahn ins Kraftwerk gebracht werden und auch Kühlwasser stand aus der Peene direkt zur Verfügung und hielt über die Abwasser-Rückleitung den Hafen im Winter eisfrei. Damals war es das modernste Kohlekraftwerke Deutschlands, weshalb es die Sowjets nicht zerstörten, sondern weiterhin nutzten. So blieb es als Gesamtkomplex fast vollständig erhalten.

Heute arbeitet dort das Historisch-Technische Museum Peenemünde die Geschichte der Entstehung und Nutzung der auf dem Gelände entwickelten Waffen auf, dokumentiert, wer hier arbeitete, wie man lebte und weshalb diese aufwändigen Projekte durchgeführt wurden. Wer das Gelände erkunden möchte, kann sich mit der Peenemünde Denkmal-Landschaft App zu den Stationen und durch die Zeit führen lassen.

Kristjan Järvi und Baltic Sea Philharmonic

(c) Geert Maciejewski/Usedomer Musikfestival

Das Usedomer Musikfestival

Simone Dinnerstein

(c) Geert Maciejewski/Usedomer Musikfestival

Wir sind dorthin zum Eröffnungskonzert des diesjährigen Usedomer Musikfestivals in der Turbinenhalle angereist. „Göttliche Geometrie” heißt das neue Programm des Baltic Sea Philharmonic und sucht Symmetrie von Vergangenheit und Gegenwart mit Komponisten, die in ihrer Epoche Großes geleistet haben: Bach und Händel als musikalische Hauptfiguren eines hanseatischen Nordens, Reich und Glass als Klassiker des amerikanischen Minimalismus. Ein ziemlicher Kontrast.

Den Klavierpart im dritten Klavierkonzert von Philip Glass übernimmt die außergewöhnliche amerikanische Pianistin Simone Dinnerstein, für die Glass das Konzert 2017 eigens geschrieben hat, um es zusammen mit Bachs Musik aufzuführen. „Glass hatte mich eingeladen“, erzählt sie nach dem Konzert „nachdem er CD-Aufnahmen von mir gehört hat. Er wollte ein Konzert für Klavier und Streichorchester schreiben, das mit der Musik Bachs zusammengespielt werden sollte.“ Der Amerikaner Arman Tigranyan hat dafür gekonnt Bachs Chaconne von der Solovioline auf das Streichorchester transkribiert. Dinnerstein gelingt es, die harmonischen Akkorde von Glass mit den barocken Klängen Bachs gekonnt zu verknüpfen. Die beiden Stücke gehen ineinander über und vermengen sich beinahe. Eine energiegeladene Begegnung, bei der sich auch dank des Dirigats von Kristjan Järvi Welten und Zeiten durchdringen. Seit seiner Uraufführung 2017 ist Simone Dinnerstein international mit dem Werk auf Tournee. „Ich bin die einzige Pianistin, die es bisher eingespielt hat,“ erzählt sie stolz. "Es war sehr befreiend, diese Musik zu spielen.“

Mitreißend war dabei das offene Zusammenspiel des Baltic Sea Philharmonic unter Musikdirektor Kristjan Järvi. Wer als Frankfurter seinen zehn Jahre älteren Bruder Paavo kennt, der von 2006 bis 2013 das hr-Sinfonieorchester als Chefdirigent leitete, ist überrascht über die jugendliche Ungezwungenheit, die Kristjan Järvi ausstrahlt. Der als Kind mit seiner Familie in die USA ausgewanderte estnische Pianist und Dirigent ist inzwischen wieder nach Tallin zurückgekehrt.

Das Orchester mit Musikern aus den zehn Ostseeländern braucht sich wegen der Einführung einer Frauenquote keine Sorgen zu machen. Faszinierend ist das variable Spiel und die Einteilung außerhalb der klassischen Orchesteraufstellung in Kleingruppen. Das Orchester spielt im Stehen. Kristjan Järvi geht in seiner ansteckenden Leidenschaft sogar noch weiter. Da Opernsänger und viele Konzertsolisten ohne Noten auskommen, studierte er 2017 mit dem sich aus einem Pool von rund 300 jungen Orchestermusikern zusammensetzende Orchester erst Strawinskiy „Feuervogel“ auswendig und ohne Noten ein.

Eine ziemliche Herausforderung, die aber gelang und beim Publikum – zum Beispiel beim Rheingau Musikfestival– sehr gut ankam. „Seitdem“, sagt Järvi, „spielen wir das gesamte Programm auf diese Weise. Wir sind zusammen Teil eines einzigen großen Gehirns“. Die Flexiblität, die auch das unkomplizierte Auf und Ab der Musiker auf der Bühne ermöglicht, macht zusammen mit der Architektur der Halle, den Einklang von Klang und Licht zu einem wahrhaft außergewöhnlichen Erlebnis.

Das Orchester ging aus der Baltic Sea Youth Philharmonic hervor, dass 2008 talentierte Musiker aus Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Norwegen, Polen, Russland und Schweden versammelte und die Einheit in einer historisch geteilten Region verkörpern soll. Schnell wurden die wichtigsten Konzerthäusern und Festivals aufmerksam und Weltstars wie Julia Fischer, Jonas Kaufmann und Kurt Masur begleiteten das Ensemble, das 2015 von der Europäischen Kulturstiftung „Pro Europa“ für seine Leistungen mit dem Europäischen Kulturpreis geehrt wurde.

Vor drei Jahren benannte sich das Ensemble in „Baltic Sea Philharmonic“ um. Nach seiner „Nordic Pulse“-Tour durch Litauen, Lettland, Estland, Finnland und Russland im Frühjahr stand im Sommer „Midnight Sun“ in Deutschland und jetzt „Divine Geometry“ auf dem Programm bei einer Reise durch Italien und Deutschland. Das neue großes Werk von Steve Reich, das auf Usedom seine deutsche Erstaufführung erlebte, hat das Orchester zusammen mit dem New York Philharmonic, dem Los Angeles Philharmonic, dem San Francisco Symphony, dem London Symphony Orchestra und dem Sydney Symphony Orchestra in Auftrag gegeben. Für den 82-hährigen Reich, der leider nicht in Usedom dabei sein konnte, ein willkommener Auftrag, damit man sein neues Werk schnell von Spitzenorchester gespielt auf der ganzen Welt hören kann.

Am nächsten Tag konnten uns im Kaiserbad Ahlbeck den Erinnerungen der schönen deutschen Kronprinzessin Cecilie von Preußen an den letzten Friedenssommer an der Ostsee lauschen. „Die Luft ist warm und still. Die See atmet ganz leise”, schrieb sie in ihren etwas pathetischen Erinnerungen, die von Harfenklängen von Komponisten, die dem preußischen Königshaus nahestanden, begleitet wurden, als die ihre Nachfahrin Sophie von Preußen, die mit ihrem Ehemann Georg Friedrich, dem Oberhaupt des Hauses Hohenzollern von Babelsberg an die Ostsee gekommen war, im gläsernen Obergeschoss eines Ahlbecker Boutique Hotels vortrug.

Schloss Stolpe

(c) Geert Maciejewski/Usedomer Musikfestival

Der Bildungsauftrag: das Ostsee-Musikforum

David Geringas

(c) Geert Maciejewski/Usedomer Musikfestival

Auch die Bildungsarbeit kommt beim Usedomer Musikfestival nicht zu kurz. Mit Klaviertrios und der Uraufführung der Sonate für Cello und Klavier des Esten Jüri Reinvere hatte man drei Ostseeländer beim Ostsee-Musikforum vereint, das im eleganten gräflichen Salon auf Schloss Stolpe brillierte. Primus inter pares im Zusammenspiel mit der Geigerin Erika Geldsetzer und dem Pianisten Ian Fountain war dabei der litauische Meistercellist David Geringas, dem Reinvere die Musik förmlich in die Finger schrieb. Daneben waren Tschaikowskys tiefempfundene Huldigung auf seinen früh verstorbenen Förderer Nikolaj Rubinstein und ein Trio von Clara Schumann zu hören, deren Geburtstag sich nur wenige Tage zuvor zum 200ten Mal jährte.

Das Ostsee-Musikforum auf Schloss Stolpe ist inzwischen schon zur Tradition geworden. David Geringas ist dort eine Woche lang künstlerischer Mentor der Meisterkurse für hochbegabte Studenten.

Es stellt mit dem Abschlusskonzert ein außergewöhnliches Podium für eine konzentrierte Arbeit mit renommierten Künstlern und Programmen, die sich eng am Programm des Usedomer Musikfestivals anlehnen. David Geringas zählt zur Musiker-Elite der Gegenwart und beeindruckt durch sein ungewöhnlich breites Repertoire vom frühesten Barock bis zur zeitgenössischen Musik. Flexibilität und Neugier verbindet sich dabei mit intellektueller Strenge, stilistischer Vielseitigkeit, melodischem Sentiment und Klangsinnlichkeit, die den Rostropovich Schüler und Sieger des Tschaikowsky-Wettbewerbs viele Preise und Anerkennung einbrachten und einbringen. Neben seiner Arbeit als Cellist ist er auch als Dirigent tätig und ist seit Jahren regelmäßiger Gast beim Usedomer Musikfestival, wo er sein Können zeigt und an den Nachwuchs weitergibt.

Orgelkonzert

(c) Geert Maciejewski/Usedomer Musikfestival

Musikalische Inselrundfahrt

Organist Johannes Gebhardt

(c) Geert Maciejewski/Usedomer Musikfestival

Eine erstklassige Chance die Insel kennenzulernen, die deshalb von Einheimischen wie Gästen gerne genutzt wird, ist die musikalische Inselrundfahrt. Die Insel Usedom bezaubert neben Meeresstrand und schönen Villen auch mit Seen, Wäldern, Schlössern und zahlreiche Kirchen, deren reizvolle Orgeln auf dieser Reise zum Klingen gebracht wurden. Der Leipziger Organist Johannes Gebhardt begleitete den stimmungsvollen Ausflug mit kleinen Konzerten in Ahlbeck, dem polnischen Swinemünde, Liepe und auf Schloss Stolpe, nur unterbrochen von der Mittagspause im schönen Wasserschloss Mellenthin. Den zwischen 1575 und 1580 errichteten Bau im Zentrum der Insel hat 2001 der aus NRW stammende Jan Fidora übernommen, der neben einem hübschen Hotel auch ein gut besuchtes Café und Restaurant betreibt. Vor einiger Zeit kam eine eigene Brauerei (Fidora hat das Handwerk gelernt) und eine Kaffeerösterei hinzu. Spezialität: Cannabis-Bier. So beschwingt konnten die Gäste die musikalischen, architektonischen und landschaftlichen Reize der Insel noch besser genießen und in wenigen Stunden kennenlernen – oder alte Bekanntschaften vertiefen.

In diesem Jahr stellt das Usedomer Musikfestival erstmals Deutschland und seine Musik in den Mittelpunkt. Bis zum 12. Oktober sind auf der Insel rund 40 Konzertegeplant. Erwartet werden Künstler wie der Bariton Matthias Goerne und Musicalstar Ute Lemper, die ihre New Yorker Broadway-Show auf den Spuren von Marlene Dietrich nach Heringsdorf bringt. Neben dem auf Usedom gegründeten Orchester Baltic Sea Philharmonic kommen renommierte Ensembles wie der Rias Kammerchor und das NDR Elbphilharmonie Orchester. Spielorte sind auf dem deutschen und dem polnischen Teil der Insel sind neben dem Kraftwerk Peenemünde vor allem Schlösser, Kirchen und Hotels, der Kaiserbädersaal in Heringsdorf und der Lokschuppen der Usedomer Bäderbahn. Für etliche der bis zum 12. Oktober stattfindenden hochkarätig besetzten Konzerte und Veranstaltungen sind noch Restkarten erhältlich.

© Michael Ritter

Wasserschloss Mellenthn

(c) Michael Ritter

(c) Magazin Frankfurt, 2019