Mozart, Don Giovanni, Opera Festival Sferisterio

Mozart, Don Giovanni

(c) C Major

Massetti im Bett mit Don Giovanni? Beim Opera Festival Sferisterio ging es auf der beeindruckenden Bühne von Macerata unter der Regisseur von Pier Luigi Pizzi im Sommer 2011 voll zur Sache. Das gemischte Publikum beim sommerlichen Open-Air-Spektakel war entsprechend entrüstet, was ihnen da von einem ungewohnt leidenschaftlich-körperlichen Don Giovanni zugemutet wurde, der letztendlich nicht zur Hölle hinabfährt sondern unter den nackten Körpern junger Menschen, die auf offener Bühne eine Orgie feiern. Das Festival lockt vor allem deutsche Urlauber an, die in den nahen Küstenorten der einst als Teutonengril verschrienen Adria den Urlaub genießen. Vielleicht hatten sie einen gediegenen Mozartabends erwartet und dann das. Denn es gelang Pizzi seine Akteure ungemein überzeugend spielen zu lassen. Einen Großteil des Lobs dafür gebührt dem überwältigenden Ildebrando d’Arcangelo, der elegant und verfüherisch die Titelpartie der Mozart-Oper übernahm und physisch wie stimmlich voll und ganz überzeugen konnte.

Seine Partie gehört zum Unmittelbarsten, Direktesten aller bislang filmisch dokumentierten Opernproduktionen, obwohl auch die Verfilmung Joseph Loseys vor 40 Jahren mit Ruggiero Raimondi begeisterte, doch vielleicht ist heute eine andere Zeit.

Auch die hier gezeigte große Vertrautheit zwischen Don Giovanni und Leporello (Andrea Concetti) ist einzigartig. Man merkt dieser Produktion, die Pizzi in einem symbolisch reduzierten Rokoko ansiedelt, stets an, dass es in dem Libretto von da Ponte vor allem um eines geht: Um gierigen Sex! Passend dafür hat man als Hauptrequisite ein überdimensionales, ungemachtes Lotterbett, das neben Don Giovanni auch alle anderen teilnehmenden Personen als Wirkungsstätte dient. Wer voreingenommen an das Werk herangeht, sollte besser Abstand nehmen, aber wer offen ist und sich begeistern lassen möchte, sollte sich darauf einlassen, und die brachiale Wucht von Pizzis Interpretation voll auf sich wirken lassen.

Angst um seine Zukunft brauchte sich Pizzi nicht zu machen. Der damals 81-jährige Mailänder Als Opernregisseur zeichnet sich Pizzi durch einen unideologischen Zugang zu den Werken der Komponisten aus. Er kann sich den Intentionen der Autoren stark annähern und deren Visionen durch seine Brille gefiltert wiedergeben, andererseits kann er auch zu ironischen Verzerrungen oder radikalen Simplifizierungen neigen. Pizzi tendiert in der Personenregie zur Zurückhaltung, er baut die Sänger eher in die Bühnenbildner ein und charakterisiert sie durch schlichte, zumeist farblich wesentlich akzentuierte und mit zeitgenössischen Materialien ausgeführte Kostüme, die ihre Historizität lediglich als Zitat ausweisen.

1990 eröffnete Pizzi die neu erbaute Opéra Bastille in Paris mit seiner Inszenierung von Les Troyens von Hector Berlioz. Im Dezember 2004 gestaltete Pizzi Bühnenbild und Kostüme für L’Europa riconosciuta von Antonio Salieri zur Wiedereröffnung der renovierten Mailänder Scala, wobei er hier nach rund zwanzigjähriger Pause erstmals wieder mit Luca Ronconi zusammenarbeitete und ausnahmsweise lediglich für die Ausstattung zuständig war.
ier Luigi Pizzi amüsiert sich köstlich über den, so die Tageszeitung „La Repubblica“, „Fall Don Giovanni“ – und er braucht nicht zu fürchten, nicht mehr als Regisseur an das 1829 fertig gestellte Open-Air-Theater in Macerata gerufen zu werden – das über eine 90 Meter lange und bis zu 20 Meter breite Bühne verfügt. Pizzi ist Herr im Haus – so unbeschränkt, dass seine Position wirklich einmalig ist:

W.A. Mozart, Don Giovanni, DVD/Blu-ray, Fondazione Orchestra Regionale delle Marche, C Major,

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(c) Magazin Frankfurt, 2019