Levinas, La Passion Selon Marc

Levinas, La Passion Selon Marc

(c) BelAir Classic

Ist es unmöglich, nach den ungeheuerlichen Graausamkeiten von Auschwitz und den anderen Konzentrationslagern neue Musik zu komponieren? Manche Komponisten warn derart betroffen davon, dass sich ihr Geist schleichtweg weigerten neue Musik aufs Blatt zu bringen. Und doch ist es trotz der großen und schrecklichen Unmenschlichkeit der Tat möglich, dass die schönen Künste, die wie der Schrecken des Holocaust aus den Hirnen und Händen von Menschen entsprang, wieder neu ersprießen können.

Der 70-jährige Franzose Michaël Levinas hat den Holocaust nicht miterlebt, doch spurlos ist er an ihm, wie an vielen Nachgeborenen nicht vorübergegangen. Sein Vater, der französisch-litauische Philosoph und Autor Emmanuel Levinas geriet 1940 in Paris, wo er an einem Ausbildungsinstitut für jüdische Lehrer arbeitete in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurde später in ein Arbeitskommando des Stalag XI B in Fallingbostel verlegt, wo er seine Carnets de Captivité verfasste. Als er 1945 erfuhr, dass seine Eltern und Brüder in Litauen der nationalsozialistischen Ausrottungspolitik zum Opfer gefallen waren, schwor er, nie wieder deutschen Boden zu betreten.

Sein Sohn Michael sieht gerade die Musik als ein Mittel, um die Unmenschlichkeit der Tat in Töne zu übersetzen wie die Hoffnung auf den Zusammenhalt der Völker und Religionen, um eine Wiederholung solch großen Leids auszuschließen. Levinas hat deswegen die protestantische Passionsmusik nach Bach'schem Vorbild mit der Geschichte des Holocausts, konkret mit der Geschichte von Auschwitz verknüpft.

In dem Text zu seiner Passion bezieht er vier Sprachen ein: Altfranzösisch aus der Wiedergabe des Markusevangeliums aus einer Bibel des 13. Jahrhunderts, Jiddisch, Aramäisch (als die Sprache, die Jesus von Nazareth wahrscheinlich sprach) sowie Deutsch. Neben das Markusevangelium stellt er das jüdische Totengebet des Kaddisch. Aus dieser Verbindung zieht er die Erkenntnis, dass der Holocaust heute wie damals uns alle angeht und in der gemeinsamen Tragik und Schuld ein Potenzial zur heutigen Verbrüderung liegt.

bei Amazon.de bestellen

(c) Magazin Frankfurt, 2019