Eiszeitliches UNESCO-Weltkulturerbe

Raubkatze vom Vogelherd

(c) Michael Ritter

Vom Löwenmenschen zu den Eiszeithöhlen im Lonetal

Vor drei Jahren führte mich eine meiner Recherchereisen von Ulm auf die Schwäbische Alb. Erste Station dieser Reise war dabei das Ulmer Museum, das in seiner großen Sammlung ein kleines Meisterwerk aus fast vergessenen Zeiten präsentiert: den Löwenmensch. Wer etwas Großformatiges vermutet, wird enttäuscht, denn das mythische Fabelwesen aus Höhlenlöwe und Mensch ist gerade einmal so groß wie eine DIN A4-Seite. Die eindrucksvolle mindestens 35.000 Jahre alte Skulptur aus der Altsteinzeit gehört zu den ältesten Kleinkunstwerken der Menschheit und gilt als älteste Darstellung eines Mannes. Dabei ist der Löwenmensch fast schon ein Riese, denn normalerweise sind die Skulpturen aus Mammutelfenbein nur selten größer als sechs Zentimeter.

Meist wurden dabei Tiere nachgebildet, die in der Region vorkamen - Löwen, Bären, Wisente, Mammuts und diverse Vögel.

Gefunden wurden seine Bruchstücke bei Grabungen auf der Schwäbischen Alb kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 von Otto Völzing in einer der drei Karsthöhlen des Hohlensteins im Lonetal. Sie steht unter dem Zeichen der SS-Runen, denn die Nazi-Diktatur machte sich auch die Archäologie für ihre Ideologie dienstbar, wie uns in Ulm Kurt Wehberger, der Leiter der Archäologischen Sammlungen des Ulmer Museums verriet, der die Geschichte um die Entdeckung des Löwenmenschen ganz genau kennt.

Mit dem Archäoguide durch den Vogelherd

(c) Michael Ritter

Grabungen unter dem Stern germanischen Ahnenerbes

Der Entdeckung des Löwenmenschen vorausgegangen war die Erforschung der nahen Vogelherd-Höhle, wo der Geologe und späterer SS-Hauptsturmführer Gustav Riek die berühmten Tierfigürchen ausgegraben hatte und damit das Interesse des Würzburger Anatomen, Urgeschichtsforschers und späteren SS-Sturmbannführers Robert Wetzel erregte, der ab 1932 im Lonetal zu graben begann. Später wandte sich Wetzel dem Hohlenstein zu, wo er Altsteinzeitliches erwartete. Die Kosten der Grabungen übernahm Heinrich Himmler, der Reichsführer SS und seine Organisation "Ahnenerbe".

Belohnt wurde ihnen ihre Parteitreue mit der Leitung des Urgeschichtlichen Instituts der Universität Tübingen für Riek und dem Lehrstuhl für Anatomie an der Uni Tübingen für Wetzel, der ein Jahr später stellvertretender Rektor der Universität Tübingen wurde.

Zwar konnte Wetzel die Bedeutung des Funds der Löwenmenschfragmente nicht recht erkennen, das sollte erst 30 Jahre später erfolgen, doch wollte er“ in ruhigeren Zeiten weitermachen". Wie so viele Nazis wurden auch Riek und Wetzel nach Kriegsende entnazifiziert. Während Riek bis 1968 als Professor für Urgeschichte in Tübingen tätig war und zahlreiche weitere Grabungen durchführte, übernahm Wetzel diverse Lehraufträge und kehrte 1957 an den Hohlenstein zurück, ohne aber die Grabungen an der Fundstelle des Löwenmenschen nicht wieder aufzunehmen.

Einszeitliche Funde in Blaubeuern

(c) Michael Ritter

Die ältesten Kunstwerke der Welt

Einige der Fundstücke sind bis zu 43.000 Jahre alt und sind berede Zeugnissen für eine bewusste künstlerische Tätigkeit der frühen Menschen. Neben Ulm sind sie in den Museen in Tübingen und Blaubeuren oder im Archäopark Vogelherd zu besichtigen.

Etwas später treffen wir vor der Karsthöhle Hohler Fels den US-Amerikaner Nicolas J. Conard. Der prähistorische Archäologe hat sich quasi durch die Aufräumarbeiten der Grabung Wetzels einen Namen gemacht.

„Damals“, erzählt der lebhafte Endfünfziger, „ging man noch ganz anderes an die Sache heran. Während wir heute alles vermessen, kartographieren und dann planmäßig Schicht für Schicht abtragen und untersuchen, ging man 1939 mit großer Eile vor.“ Dabei wurden auch viele kleinere Skulpturenfragmente übersehen und landeten auf den Aushubbergen vor den Höhlen. Seit 1997 hat Conard und sein internationales Studenten-Team mehr als 80.000 Steinwerkzeuge und fast 300 Schmuckstücke geborgen.

Nicolas Conard in der Eiszeithöhle

Neues UNESCO-Weltkulturerbe

Jetzt hat die UNESCO die Höhlen der ältesten Eiszeitkunst in die Welterbeliste aufgenommen. Sie sind Fundorte der ältesten mobilen Kunstwerke der Welt und bestechen durch die Dichte der Funde, die Bedeutung für die Geschichte der Kunstentwicklung und sind für die Erforschung des Jungpaläolithikums weltweit einzigartig.

Staatsministerin Prof. Dr. Maria Böhmer war als Leiterin der deutschen Delegation bei der Sitzung des Welterbekomitees in Krakau.“Die Höhlen und die Eiszeitkunst im schwäbischen Jura erlauben uns den ältesten Spuren zu folgen, die der Mensch bei seiner Besiedlung Europas hinterließ. Die hier gefundenen Objekte wie die Venus vom Hohlen Fels sind faszinierende Zeugnisse prähistorischer Kunst und haben mich auch persönlich tief beeindruckt.“

Conard, der sich mit der frühen Menschheitsentwicklung nicht nur auf der Schwäbischen Alb, sondern im ganzen eurasischen und südafrikanischen Raum beschäftigt und zahlreiche Grabungen in Syrien, Südafrika und dem Iran leitete hat sich mit seinen urgeschichtlichen Ausgrabungen in den ausgezeichneten Höhlen auf der Schwäbischen Alb international einen Namen gemacht, als er dabei auf die ältesten plastischen Kunstwerke der Welt stieß. Zu den jüngsten sensationellen Funden zählen das Mammut vom Vogelherd und die im September 2008 entdeckte Venus vom Hohlefels, die älteste Frauendarstellung ihrer Art.

Im Steinbruch

(c) Michael Ritter

Musik und Kultur im Urdonautal

Die gefundenen Kunstwerke und Musikinstrumente spiegeln das handwerkliche Können der ersten modernen Menschen wieder und zeigen, welche Rolle Kunst und Kultur bereits vor 40.000 Jahren gespielt haben“, betonte auch Prof. Dr. Hartwig Lüdtke, der Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission. Die sechs Höhlenfundstellen und die Landschaft im Ach- und Lonetal sind Fundorte von über 50 Figuren aus Elfenbein oder aus Knochen.

Auch acht Flöten sind unter den Fundstücken. Die meisten Kunstobjekte bilden die Fauna der eiszeitlichen Steppentundra ab.

Die beiden Täler und ihre Höhlen im Achtal und Lonetal liegen nur wenige Kilometer außerhalb von Ulm und die Funde verdeutlicht ihre Bedeutung als zentrale Siedlungsareale der frühesten modernen Menschen Europas. Ein Besuch lohnt.

Sortierarbeiten

(c) Michael Ritter

(c) Magazin Frankfurt, 2017