Sußebach, Deutschland ab vom Wege

Sußebach, Deutschland ab vom Wege

(c) Rowohlt Verlag

Ein Reiseführer? Wohl kaum. "Ich wollte das Unbekannte kennenlernen, das Abseitige erkunden - zumal, wenn das Abseitige so groß ist, dass man es genau genommen nicht abseitig nennen kann: fast das ganze Land." Der 44-jährige aus Bochum stammende Zeit-Reporter Henning Sußebach ist ein Meister der Formulierung und zeichnet in seinem Buch ein großes, glänzend geschriebenes Porträt unseres Landes. Man erfährt darin eine ganze Menge, zum Beispiel, dass 6,2 Prozent Deutschlands asphaltiert und betoniert sind. Sußebach sucht das Abenteuer – und betritt den Rest: Er verlässt die Straßen und die Städte und durchwandert das deutsche Hinterland, vom Darßer Leuchtturm bis auf den Gipfel der Zugspitze. Seine Wanderung führt ihn in Gegenden, die wir kaum kennen, obwohl sie vor unserer Haustür liegen, und zu Menschen, die das Land bewirtschaften, aber von Städtern kaum wahrgenommen werden; Maisbauern und Hippies, AfD-Wähler und Schlachter. Und gerade hier, im Hinterland, reift die beunruhigende Erkenntnis: Die gesellschaftliche Spaltung verläuft nicht allein zwischen Armen und Reichen, sondern vor allem zwischen Stadt und Land. Den Atomausstieg oder Sanktionen gegen Russland kann man in der Stadt richtig oder falsch finden, auf dem Land können solche Entscheidungen einen den Job kosten.

Doch diese existenziellen Nöte – sie werden in der Stadt kaum erkannt. Sußebach erzählt mit großer literarischer Kraft von seiner Reise, auf der er die Straßen verließ und in lauter Leben trat. Auf seiner Wanderung kam er natürlich auch durch meine nordhessische Heimat mit dem Meißner, dem Werra-Meißner-Kreis und das Eichsfeld. Eine Region, die gar nicht mittiger in Deutschland liegen kann, sich aber den Namen "Hinterland" hart erarbeitet hat. Warum eigentlich? Wenn man sich nicht die Mühe macht und sucht, wird man nur zufällig bei Recherchen an ganz anderer Stelle mit der Nase darauf gestoßen: Deutschlands letzten Stockmacher, auf den mich ein Schirmmacher in Salzburg aufmerksam machte - oder den Blumenzwiebelhändler in Eschwege, von dem ich erst beim Bericht über eine Bundesgartenschau erfuhr und der nur wenige Kilometer von meinem Haus das größte Sortiment an Blumenzwiebeln in Deutschland bereithält. Nach der Lektüre des Buches wird mir klar: ich sollte mir mehr Zeit nehmen auch diese Region besser kennenzulernen.

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(c) Magazin Frankfurt, 2017