Graeber, Bürokratie - Die Utopie der Regeln

Als eine "Befreiung" hatte Frank Schirrmacher von der FAZ einst David Graebers Buch "Schulden" gefeiert, mit dem sich der US-amerikanische Occupy-Vordenker und -Aktivist auch hierzulande bekannt machte. Mitten in der Finanzkrise löste er damals den Begriff aus der Zange der Ökonomie und gab ihm seine ganze Bandbreite zurück. Jetzt fällt sein umfassender und scharfer Blick auf ein allerorten Qual säendes Phänomen: die "Bürokratie". Ob beim Wechsel des Telefonanbieters, dem Antrag auf Asyl oder der Vollmacht für das Konto der dementen Eltern kennen wir wohl alle deren Lebensfeindlichkeit und halten dennoch daran fest, da wir an ihre Effizienz glauben.

Übersetzt bedeutet das aus dem Griechischen stammende Wort "Bürokratie" die "Herrschaft der Beamten". Deren Wahrnehmung von Verwaltungstätigkeiten wird ihnen im Rahmen streng festgelegter Kompetenzen innerhalb einer festen Hierarchie erteilt. Wenn das Ganze Maße annimmt, die Normalbürger eher an eine Parodie erinnern, spricht man von Bürokratismus. Das ist keinesfalls allein ein deutsches Problem, wenngleich viele Menschen die sich in Deutschlands unzähligen Gesetzen und Verordnungen manifestierende Regelungswut als Musterbeispiel der Bürokratie ansehen, doch hat es seinen Ursprung, wenn man Graeber glauben darf, in der Deutschen Post zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Oft folgen die Beamten einer überzogenen Handlungsorientierung, stellen die Vorschriften über den Menschen und nehmen den nur noch als Objekt war. Für viele Mitmenschen ist Bürokratismus der Normalfall der Beamtenherrschaft. Wer sich lauthals über Bürokratie beschwert, meint eigentlich deren Krankheitsform, den Bürokratismus.

Der Amerikaner David Graeber lehrte bis zu seiner umstrittenen Entlassung im Jahr 2007 Anthropologie in Yale und wechselte dann an die London School of Economics. Die Wallstreet mag ihn nicht, den Graeber provoziert und wird vom Establishment als Bedrohung wahrgenommen. Als man ihn in Yale feuerte, sah er sich Polizeiuntersuchungen ausgesetzt, wurde gemobbt und an der Arbeit im eigenen Land gehindert. Ein Armutszeugnis für die USA, denn Graeber gilt als einer der bedeutendsten Anthropologen unserer Zeit. Als bekennender Anarchist ist er Mitglied der Industrial Workers of the World. Fast zwei Jahre lebte er in einer die direkte Demokratie praktizierenden Gemeinschaft auf Madagaskar und ist Vordenker der Occupy-Bewegung.

In seinem neuen Buch entfaltet Graeber eine fulminante und längst überfällige Fundamentalkritik der globalen Bürokratie. Dabei erforscht er die Ursprünge unserer Sehnsucht nach Regularien und entlarvt ihre Bedeutung als Mittel zur Ausübung von Gewalt. Die Sowjetunion sieht Graeber als den bürokratischen Staat schlechthin. Wer sich dort nicht an die Regeln gehalten habe, sei schnell im Gulag verschwunden.

Eines ist klar. Wir alle hassen Bürokraten und können es nicht fassen, dass wir einen Großteil unserer Lebenszeit damit verbringen müssen, unnütze Formulare auszufüllen. Entstanden ist das Regelungswerk auch durch unseren Glaube an die Bürokratie mit der Hoffnung auf Effizienz, Transparenz und Gerechtigkeit. Gerade im digitalen Zeitalter wächst die Sehnsucht nach Ordnung. Mit dieser Ordnung nimmt aber auch die Macht der Bürokratien über jeden Einzelnen von uns zu.

Man merkt es zum Beispiel am Anschwellen von Verträgen. Waren es früher einfache kurze Absprachen als Leitlinie, so wird heute oft alles bis ins kleinste Detail geregelt und wehe man hat einen Vertragspartner, der diese Klaviatur besser beherrscht und zu seinem Vorteil missbraucht. Dann sind wir in seinen Händen. Denn durch Bürokratie wird unsere Gesellschaften keineswegs transparent und effizient, sondern dient elitären Einzel- und Gruppeninteressen. War er einst der stalinistische Kommunismus so ist es heute der Kapitalismus, der mit der Bürokratie einen verhängnisvollen Pakt eingegangen ist und droht, die Welt in den Abgrund zu reißen.

Graeber macht das an einem Beispiel deutlich. JP Morgan Chase, die größte Bank Amerikas, macht mehr als zwei Drittel ihres Gewinns mit Gebühren und Strafen. Das klappt nur, wenn man dem bürokratischen System, Regeln diktiert, die kaum oder nicht zu befolgen sind.

Der Band kommt am 20. Februar 2016 in den deutschen Buchhandel. Wer Graeber live erleben will, hat dazu am 6. April die Möglichkeit, wenn der Autor nach Frankfurt kommt.

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(c) Magazin Frankfurt, 2018