Marum, Das letzte Jahr in Briefen

Marum, Das letzte Jahr in Briefen

(c) von Loeper Literaturverlag

Das Schlimmste ist, dass das Schcksal, das Ludwig Marum, den badischen Sozialdemokraten jüdischer Herkunft am 10. März 1933 ereilte, auch heute nicht unvorstellbar ist. Damals hatten Hilfspolizisten der SA den Reichstagsabgeordneten und früheren badischen Staatsrat, der zu den bedeutendsten SPD-Politikern der Weimarer Republik gehörte und als erklärter Gegner der Nationalsozialisten bekannt war, in seiner Wohnung in Karlsruhe verhaftet. Auch die Politik der Türkei mit Verhaftungen nach dem Putschversuch und die diversen nationalistsichen Regierungen nicht nur in Europa erinnern in Ansätzen an die Politik der NSDAP nach ihrer Machtergreifung im Januar 1933, als sie mit der kurz darauf folgenden Reichtstagsbrandverordnung den demokratischen Rechtsstaat beseitigten. Auch in Deutschland finden sich in den Parlamenten schon wieder Politiker, die bedenkenlos populistisch an den richtigen Fäden zu ziehen, um im Falle eines eindeutigen Wahlsiegs verhasste Kritiker nicht nur mund-tot zu machen, die mit ihrer Kritik an ihnen schon frühzeitig in ihr Visier geraten sind und dem neuen wie alten Feindbild entsprechen. Ludwig Marum wurde damals mehrere Wochen im Karlsruher Gefängnis inhaftiert und im Mai 1933 in einer demütigenden öffentlichen Schaufahrt zusammen mit anderen führenden Sozialdemokraten in das einige Kilometer nördlich von Karlsruhe gelegene Konzentrationslager gebracht, wo SA und SS ihn am 29. März 1934 ermordeten.

Ludwig Marum hat während seiner Gefangenschaft in der sogenannten „Schutzhaft“ zahlreiche Briefe an seine Frau Johanna geschrieben, die unter dem Titel „Briefe aus dem Konzentrationslager Kislau“ 1984 erstmals publiziert wurden und von der ungebrochenen Haltung des Anwalts und Politikers, aber auch von seiner zärtlichen Liebe zu seiner Frau und seinen drei Kindern Elisabeth, Hans und Brigitte zeugen. Auch deren Schicksal verlief dramatisch bis tödlich. Johanna Marum war zusammen mit ihrer 14-jährigen Tochter Brigitte innerhalb eines Monats nach dem Tode ihres Mannes zu ihrem 21-jährigen Sohn Hans nach Paris gefolgt. Die 23-jährige Elisabeth blieb vorerst in Berlin, um ihre Berufsausbildung abzuschließen und die Auszahlung der Lebensversicherung von Ludwig Marum zu erreichen, wozu die direkt mit der Gestapo verhandelte. Man sperrte die Auszahlung so lange, bis sie die Haftkosten Ludwig Marums ersetzt hatte.

Nach Beendigung ihrer Ausbildung als Krankengymnastin reiste auch sie 1936 nach Paris aus. Die aktiven Hitlergegner lebten in Paris iin Armut, da man sie beim Verlassen Deutschlands ausgenommen hatte und es für sie in Frankreich keine Möglichkeit des Broterwerbs gab. Mit Glück gelang Johanna mit Elisabeth 1941 die Flucht aus dem inzwischen von Deutschland besetzten Frankreich in die USA. Die inzwischen 22-jährige Brigitte blieb in Frankreich, da sie ein Kind bekam und ihre Gefährdung als jüdische Emigrantin falsch einschätzte. Während es Hans noch gelang 1942 mit seiner Frau Sophie nach Mexiko zu emigrieren, von wo er 1947 zurückkehrte und u.a. als Redakteur beim Neuen Deutschland arbeitete, nahm man Brigitte 1943 bei einer Razzia in Marseille fest und brachte sie über mehrere Stationen ins Vernichtungslager Sobibor, wo sie bei eAnkunft vergast wurde. Ihr kleiner Sohn, den sie in ein Kinderheim in Limoges gegeben hatte, überlebte unter falschem Namen und wanderte später nach Israel aus.

Unbekannt sind jedoch die Briefe, die Johanna Marum von März bis Mai 1933 an ihren Mann im Karlsruher Gefängnis schrieb. Die jetzt vorliegende erweiterte Neuausgabe macht nicht nur die Briefe Ludwig Marums wieder verfügbar und ergänzt sie um bisher unveröffentlichte Briefe und zuvor geschwärzte Briefpassagen, sondern erweitert zum anderen den Fokus auf die aus der Perspektive seiner Frau Johanna erkennbare prekäre Situation der Familie Marum. Die neue Edition wurde ausgewählt und bearbeitet von Marums Enkelin Andrée Fischer-Marum, die damit ein dichtes Bild schafft und deutlich macht, unter welchem existenziellen Druck die Familie stand, wie eng die Beziehung zwischen dem Ehepaar war, das sich immer und immer wieder gegenseitg Mut zusprach. Im Moment, in dem ihr bisheriges Leben zusammenbrach, bewährte sich ihre Liebe und Partnerschaft.

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(c) Magazin Frankfurt, 2018