Die deutschen Weinführer

Der Preis

Schon preislich gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den vier deutschen Wein Guides Eichelmann, Falstaff, Gault Millau und Vinum. Während der Falstaff Weinguide Deutschland mit einem Preis von 19,90 Euro nur knapp die Hälfte des Gaul Millau (39,99 Euro) kostet, haben sich Eichelmann und Vinum beide bei 35 Euro angesiedelt.

Die Form

Liefert Eichelmann seinen Lesern dafür ein gebundenes Buch mit einem Gewicht von gut zwei Kilogramm, sind die anderen Führer broschiert. Vinums Fassung und der Gault Millau sind knapp 900 Gramm leichter und liegen beim Schmökern besser in der Hand. Ein echtes Leichtgewicht ist dagegen der falstaff mit seinen 900 Gramm, das ihn als einzigen Band für den Versand als Büchersendung qualifiziert. Doch wer liest heute noch Bücher? Sowohl Eichelmann wie Vinum bieten dem Leser eine App, die bei Vinum die aktuellen Beurteilungen zeigt, die er meist braucht, während Eichelmann für seine Jubiläumsausgabe eine App beilegt, die die Ergebnisse der beiden letzten Jahrzehnte einschließt. Gault Millau und Falstaff verzichten darauf.

Die Zahl der getesteten Weingüter und Weine

Unterschiede gibt es bei der Anzahl der getesteten Weingüter. Insgesamt gibt es in Deutschland nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes 2018 rund 11.500 Weinbaubetriebe, das Deutsche Weininstitut gibt für 2016 als letztes Erfassungsjahr eine Zahl von knapp 17.000 an. Die Diskrepanz zwischen den Zahlen ergibt sich nach Informationen des DWI-Pressesprechers Ernst Büscher aus der erforderlichen Mindestgrößte, die beim DWI bei einem halben Hektar liegt. Da viele der kleineren Winzer Weinbau nur als Nebenerwerb betreiben und ihre Trauben entweder verkaufen oder mehr oder weniger für den Eigenverbrauch ausbauen, liegt die Zahl der Flaschenabfüller bei rund 7.000. Dabei kommt es bei der Qualität nicht auf Größe an, wie zum Beispiel die wunderbare Pinot Noirs vom Weingut von Hans-Erich Dausch aus der Pfalz zeigen, der gerade einmal einen Hektar bewirtschaftet und 3.800 Flaschen produziert.

Schaut man sich die Zahl der in den Weinführern als "beste Weingüter" aufgeführten Betriebe an, so liegt diese bei rund 1.000, beim Falstaff sogar nur bei knapp 500. Auch wenn es in Deutschland sicherlich viel unbefriedigenden Wein gibt, so dürfte die Zahl der von den Führern (noch) unentdeckten Juwelen sicherlich beachtlich sein, denn die junge Winzergeneration tauscht ihr Wissen heute viel bereitwilliger aus als die Generationen der Väter und Großväter. Das merkt man an der Zunahme neu ausgenommener Betriebe in vielen Führern. Insofern ist die Konkurrenz unter den Weinführern sicherlich positiv, denn ihren Testern geht es ähnlich wie uns. Immer wieder findet man einen Wein oder ein Weingut, das das Zeug hätte, den Weinfreunden vorgestellt zu werden. Gault Millau und Vinum ordnen die Winzer nach den Weinbauregionen und dann alphabetisch, Eichelmann ordnet sie nur alphabetisch.

Wir haben auf die Beurteilung des Falstaffs verzichtet, da er hinsichtlich der Auswahl der besten Weingüter mit den anderen drei Führern nicht vergleichbar ist. Sein Chefredakteur Ulrich Sauter hatte früher als Redakteur für den Feinschmecker gearbeitet und hat ab 2014 die Leitung der deutschen Falstaff-Redaktion übernommen. Mit einem 18-köpfigen Verkosterteam hat er 4.200 Weine aus 500 Betrieben verkostet, beschreiben und bewertet. Meist waren es Weißweine von 2018 und Rotweine von 2017, aber auch reifere verfügbare Weine. 101 Weine beurteilte die Falstaff-Jury mit 95+ Punkten. Zweimal gab es die Höchstnote von 100 Punkten.

Nicht alle Topwinzer in allen Führern

Man merkt den jeweiligen Testern der Guides ihre Präferenzen an. Zwar besteht bei den jeweiligen Spitzenweingütern oft Konsens, dass sie wohl alle Aufnahme in die Weinführer gefunden haben oder hätten, denn nicht jeder der Spitzenwinzer ist bereit, seine Weine zur Verkostung anzustellen. Nehmen wir als Beispiel den Ausnahmewinzer Egon Müller mit seinem Weingut am Scharzhofberg an der Saar. In Deutschland findet man Müllers Weine nur selten und er bringt als Vorsitzender des Großen Rings Mosel-Saar-Ruwer nur rund 5 Prozent seiner jährlichen Lesemenge zur Versteigerung. Insofern wundert es schon fast, dass er zumindest in einem der Führer, dem Vinum, mit einer ausführlichen Bewertung der aktuellen Weine auftaucht. Gault Millau stellt in seinem Führer Egon Müller als ein Ausnahmewinzer vor, dessen Weine man zwar kenne und auch verkostet habe, aber der seine Weine nicht freiwillig zur Verkostung anstelle. Gleichwohl können man auf eine Erwähnung nicht verzichten. Auch bei Gerhard Eichelmann stellt Egon Müller seine Weine nicht an. Eichelmann verzichtet deshalb, wie auch bei einigen anderen Spitzenweingütern auf eine Erwähnung. Für uns ein deutliches Minus, wenn Spitzenbetriebe der deutschen Weinszene einfach ausgeblendet werden und damit den unerfahrenen Lesern die Möglichkeit genommen wird, deren Weine selbst zu erkunden.

Unterschiedliche Bewertung der Weingüter und Weine

Auch bei der Einordnung in Weltklasse und Deutsche Spitzenklasse gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Führern und auch bei den einzelnen Weinen sind die Urteile keineswegs gleich. Oft findet man Unterschiede von 6 Punkten. Als Beispiel haben wir uns hier das Weingut Ziereisen aus Baden herausgepickt. Hanspeter Ziereisen hat sein Weingut im Laufe der Jahre zu einem Weltklasse-Betrieb entwickelt. Dabei bringt er sogar seine Spitzenweine als "Landwein" auf den Markt. Sinnvoll, da er auf das Filtern verzichtet, es dadurch zu Trübungen kommen kann, die bei den staatlichen Testern zu einer Verweigerung des Qualitätswein-Prädikats führen würden. Gibt Gault Millau ihm für seinen 2016 Chardonnay Hard unfiltriert 95 Punkte, also "herausragend", so ist der Wein den Testern von Vinum, die das Weingut nur als Deutsche Spitze einstufen, gerade einmal 89 Punkte wert, als ein "sehr gut". Das ist ein großer Unterschied, erhält ein Wein zum Beispiel beim einen Führer 90 Punkte (exzellent) und beim anderen 84 Punkte (gut), dann liegen für Fans der Oberliga Welten dazwischen. Bei anderen Weinen verhält es sich ähnlich. Oft betragen die Unterschiede 2 bis 3 Punkte, nur ab und zu sind sich die Verkoster in ihrem Urteil einig. Bei Eichelmann findet auch das Weingut Ziereisen keine Erwähnung.

Bei den Angaben zu den einzelnen Weingütern ähneln sich die einzelnen Führer. Überall erfährt man die Anschrift, Telefonnummer, Web- und E-Mail-Adresse. Auch über Inhaber, Betriebsleiter, Kellermeister, Verkauf, Verbandsangehörigkeit, Jahresproduktion und Fläche wird bei allen Führern informiert. Zusätzlich bietet Vinum noch einen wertvollen schnellen Überblick über die Böden, die Rebsorten, die besten Lagen und Besonderheiten, verzichtet aber auf Erwähnung des Önologen, Eichelmann benennt noch den Zuständigen für den Außenbetrieb. Alle Angaben hängen allerdings ab von der Auskunftsfreudigkeit der Winzer.









Vergleich am Beispiel Bernhard Huber

Bei den Weinen haben wir uns ein Weingut herausgesucht, dass bei allen Führern in die kleine Spitzengruppe der Weltklasse aufgenommen wurde: das badische Weingut Bernhard Huber, an dessen gleichnamigen Gründer ich mich stets gerne sein dem ersten Zusammentreffen vor vielen Jahren auf der Mainzer Weinbörse erinnere. Sein Weingut in Malterdingen gehört zu den großen Burgundererzeugern und Bernhard Huber war wohl einer der erfolgreichsten Winzer unserer Zeit, der sich auf seinen rund 28 Hektar Rebfläche dem Anbau der Burgunder verschreiben hatte. Seine Spätburgunder gehören zu den besten Deutschlands und brauchen den internationalen Vergleich nicht zu scheuen. Nach seinem plötzlichen Tod vor fünf Jahren hat sein Sohn Julian, der ihn zuvor schon sechs Jahre unterstützte, die Leitung des Weinguts übernommen und führt dessen Lebenswerk fort.

Die Vorstellung des Weinguts

Bei der Vorstellung des Weinguts ähneln sich die einzelnen Weinführer. Während Vinum und Eichelmann noch immer mit Bernhard Huber und dessen Bedeutung für das Weingut einleiten und dann zu Sohn Julian kommen, der als 24-jähriger ins kalte Wasser springen musste und dies gut bewältigt habe, kommt Gault Millau erst in der zweiten Hälfte des Beitrags über das Weingut auf den Vater zu sprechen und betont eingangs das gute Gespür Julian Hubers, das Weingut in der Weltspitze zu etablieren. Ich erinnere mich an den frühen Tod Bernhard Breuers im Rheingau (der nur bei Eichelmann noch immer präsent ist). Auch dessen Tochter Theresa wurde 2004 vor ähnliche Probleme gestellt und hat diese ebenfalls gut bewältigt und das Weingut in der Weltspitze gehalten.

Die Vorstellung der Weine

Bei der Vorstellung der einzelnen Weine erweist sich der Eichelmann als der ausführlichste Guide. Er stellt alle 10 Weine der aktuellen Kollektion, die er verkostet hat, unter dem Punkt Kollektion mehr oder weniger ausführlich vor, so dass man bei der anschließenden Beurteilung der Weine für die persönliche Wunschliste schon eine gute Basis hat. Die anderen Führer gehen meist nur auf einzelne Weine ausführlicher ein und beschränken sich ansonsten auf die Punktzahl. Zusätzlich zu den anderen hat Eichelmann den 2018er Grauburgunder trocken und den 2015er Chardonnay trocken Alte Reben verkostet und im Führer aufgenommen. Bei Gault Millau und Vinum werden nur die 10 Weine der aktuellen Kollektion verkostet, drei Weißweine und sieben Rotweine.

Nicht immer sind die Bezeichnungen identisch. Der 2017er Malterdinger Weißwein läuft nur bei Eichelmann unter dieser Bezeichnung. Gault Millau bezeichnet ihn als Weißer Burgunder & Chardonnay, Vinum als Chardonnay & Weißburgunder trocken Barrique (E 89, F , GM 91, V 89) 18 Euro. Der Chardonnay trocken „Alte Reben“ Malterdinger (E 93, F , GM 94, V 92) 30 Euro, das Große Gewächs Malterdinger Bienenberg Chardonnay (E 94, F , GM 98, V 93) 45 Euro zeigt erneut die große Bandbreite zwischen den Bewertungen.

Bei den Rotweinen beginnt der Reigen mit dem einfachen Spätburgunder für 14 Euro (E 87, F , GM 92, V 89), es folgt der Malterdinger Spätburgunder (E 89, F , GM 93, V 90) 18 Euro, der Malterdinger Spätburgunder Alte Reben (E 89, F , GM 95, V 91) 30 Euro und die Großen Gewächs Bombacher Sommerhalde (E 95, F , GM 96, V 93) 45 Euro, Malterdinger Bienenberg (E 94, F , GM 97, V 92) 45 Euro, Hecklinger Schlossberg (E 95, F , GM 98, V 95) und der Malterdinger Bienenberg Wildenstein (E 95, F , GM 99, V 94) 120 Euro. Gault Millau nennt bei den Großen Gewächsen keinen Preis, Eichelmann und Vinum müssen nur beim Hecklinger Schlossberg auf das Weingut verweisen.

Gault Millau als Hochbewerter

Man erkennt aus dieser Aufzählung ein Muster. Gault Millau ist allgemein am großzügigsten und liegt mit seiner Punktzahl beim Wildenstein im Bereich der einzigartigen Weltspitzenweine, während Vinum mit fünf Punkten weniger nur ein ausgezeichnet bereithält. Eichelmann gibt den Weißweinen meist eine etwas höhere Punktzahl als Vinum, die bei den einfacheren Rotweinen mit ein bis zwei Punkten vorne liegen. Bei den roten Großen Gewächsen sind beide meist ein bis zwei Punkte auseinander, wobei Eichelmann dort die Nase vorn hat. Generell kann man sich fragen, ob die Noten der Gault Millau-Tester nicht etwas zu hoch ausfallen.

Kontrollprobe Keller, Rheinhessen

Wir haben uns deshalb ein weiteres Weingut in allen Führern genauer angesehen: das rheinhessische Weingut Keller in Flörsheim-Dalsheim liegt nach einvernehmlichem Urteil aller Weinführer ebenfalls an der Weltspitze. Klaus-Peter Keller steht für Spitzenriesling, macht aber auch erstklassigen Spätburgunder und beeindruckt auch mit anderen weißen Reben. Bei den Weinen haben wir uns die einfach 2018er Scheurebe trocken, das 2018er Westhofener Kirchspiel Riesling Großes Gewächs und den 2018er Westhofener Morstein Riesling Großes Gewächs herausgepickt. Während bei der „einfachen“ Scheurebe die Urteile mit 88 (Eichelmann) bis 90 (Gault Millau) noch relativ nahe beieinander liegen, liegt Gault Millau beim Kirchspiel (96 Punkte) drei Punkte über die Konkurrenten und beim Morstein sogar vier Punkte über Vinum und drei Punkte über Eichelmann.

Fazit: Jeder muss beim Kauf eines Weinführers selbst entscheiden, was ihm wichtig ist. Bei Eichelmann bekommt er - trotz der Kritik, dass der Führer einige Spitzenweingüter, die ihm keine Weine zur Verkostung zustellen einfach ignoriert und damit ein unvollständiges Bild der deutschen Weinlandschaft gibt – sowohl einen guten Überblick über die Weingüter und ihre Winzer als auch über die einzelnen Weine. Diese kommen bei den anderen Führern meist etwas kurz, wenn man sich zu stark auf Winzer und Weingut konzentriert. Von den diversen Detail-Informationen hat uns der Vinum-Führer gut gefallen, da dort auch Infos über Gutausschank, Rebsorten und das Terroir zu finden waren. Gault Millau ist flott und griffig geschrieben, man merkt den Einsatz zahlreicher Weinjournalisten. Die Weine sind teils etwas zu knapp dargestellt und meist zu hoch bewertet. Das bringt zwar Begeisterung bei den Winzern, die ihre Weine mit besserer Punktzahl besser bewerben und verkaufen können, ist aber hinsichtlich der Seriosität der Bewertung fragwürdig. Falstaff beleuchtet nur die Hälfte der besten 1.000 Weingüter. Ausreichend für alle die sich damit zufriedengeben und Geld sparen wollen.

(c) Michael Ritter

(c) Magazin Frankfurt, 2019