Coccia, Die Wurzeln der Welt

Coccia, Die Wurzeln der Welt

(c) Hanser

Unsere Vorstellungen von der Entstehung der Welt sind immer noch vom christlichen Weltbild geprägt, wo Gott den Himmel und die Erde schuf, um sie zum krönenden Abschluss mit seinem Ebenbild, dem Menschen, zu bevölkern. Auch heute noch drehen sich unsere Gedanken, wenn wir über das Leben und dessen Ursprünge sprechen, primär um Menschen und gegebenenfalls auch um Tiere, denn davon sind wir ja letztendlich eine Unterart, auch wenn wir das in der Regel nie thematisieren. Doch was ist mit den Pflanzen? Für die meisten von uns sind sie nur Gegenstand der Botanik, in der Philosophie spielen sie seit Aristoteles‘ Vorstellung eines vegetativen Seelenvermögens keine Rolle mehr. Kaum zu glauben, denn sie sind die eigentlichen Erschaffer der Welt. Sie können sich nicht bewegen und sind doch geniale Handwerker, sie vermitteln zwischen Erde und Sonne und besitzen verborgene zweite Körper im Boden. Ein wenig hat uns schon der Förster Peter Wohlleben mit seinen Büchern über den Wald und die Bäume die Augen und wenn er zum Beispiel "Bäume verstehen" schreibt, möchte er, dass seine Leser verstehen, wie ein Baum tickt und sie einen Einblick in sein Gefühlsleben bekommen.

Der italienische Philosophieprofessor Emanuele Coccia, der in Paris lehrt, hat das Ganze auf eine philosophische Ebene gehoben und gibt dem Leser ein neues Bewusstsein für die faszinierende Schönheit der Natur. Denn Pflanzen sind mehr als blühender Zufall, sie sind Grundlage allen Lebens und damit unentbehrlich für unser Wissen über uns. Coccia, der auch in Freiburg im Breisgau gelehrt hat, liefert eine Theorie des Blatts, der Wurzel und der Blüte und lenkt damit unseren Blick auf die Pflanzen, die in der gängigen Hierarchie der Lebewesen unterschätzt ganz unten stehen und zum Beispiel als Biodiesel für die Bedürfnisse des Menschen herhalten müssen. Coccia erkannt unser tierzentriertes Handeln, weil wir selbst Tiere sind. Denn - gingen wir von den Pflanzen und ihrer Art in der Welt zu sein und sie zu prägen aus, würden wir vielleicht unsere überzogene Selbstbezogenheit erkennen, die uns ins Verderben führen kann. Die Denkanstöße, die Emanuele Coccia damit gibt sind vielleicht radikaler als Wohllebens freundlich gemeinte Waldversteher-Bücher.

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(c) Magazin Frankfurt, 2018