Sarrazin, Feindliche Übernahme

"Migration ist die Mutter aller Probleme" sagte jüngst der Bundesinnenminister Seehofer in einer von vielen Demokraten beanstandeten Rede. Damit meint er weniger Holländer, Ungarn und US-Amerikaner, die ihren Wohnsitz in Deutschland gewählt haben, doch Berührungsprobleme verspürt der CSU-Politiker mit Moslems. Der Titel des neuen Sarrazin-Buchs passt ebenfalls gut zu Laila Mirzos gerade erschienenen Buch "Nur ein schlechter Muslim ist ein guter Muslim", denn auch sie befürchtet die Übernahme des Landes durch den aggressiven und gewaltbereiten politischen Islam.

Einige Mitglieder seiner Partei würden die Islam-Kritiker Thilo Sarrazin am liebsten aus der Partei werfen, dabei präsentiert er das breite Spektrum von Positionen innerhalb der SPD, das mit dazu geführt hat, dass sie mit indifferenter Politik immer weniger Zustimmung in der Bevölkerung findet.

Kaum herausgekommen, kletterte Sarrazins neues Buch trotz zahlreicher Verrisse liberaler Medien unmittelbar auf Platz 1 der Bestsellerlisten. Auch von der anderen Seite des Atlantiks erhielt der Autor argumentative Schützenhilfe. Der amerikanische Bestsellerautor Nassim Nicholas Taleb schreibt in seinem neusten Buch über schwarze Schwäne, die symbolisch für das stehen, womit wir nicht rechnen. Wenn uns im Alltag ungeahnte Überraschungen begegnen, ist das vielleicht noch nicht so schlimm. Suchen sie jedoch gesamte Volkswirtschaften heim, kann das System kollabieren, wie etwa die Finanzkrise des letzten Jahrzehnts gezeigt hat. Denn unsere Welt ist fragiler, als wir denken: Schon kleinste Fehler können eine Katastrophe auslösen und sie ins Chaos stürzen. Taleb, einer der vielleicht klügsten, kritischsten und innovativsten Denker inner- und außerhalb der Finanzwelt, zeigt in seiner luziden und bahnbrechenden Schrift, dass wir jederzeit mit "Schwarzen Schwänen" rechnen sollten und arbeitet gnadenlos und trennscharf die Schwachstellen unseres Systems heraus und lässt uns nicht zuletzt Prognosen gegenüber skeptisch sein. Sarrazin fehlt Talebs filigraner und differenzierter Verstand, aber auch der politische Islam könnte als solch ein Schwarzer Schwan, unterschätzt unsere Gesellschaft kollabieren lassen.

An liberale Verrisse der deutschen Leitmedien, geschrieben von Autoren, die dem Volk ebenso entfremdet sind, wie die regierenden Politiker, ist Sarrazin gewohnt. "Alternativer Faktizismus" titelt die taz über den "Gleichmacher Sarrazin", betrachtet seine Thesen als absurd, da sie nicht zwischen den verschiedenen Formen des Islam differenzieren. Auch der von Mirzo gefürchtete traditionelle Islam ist eine Gefahr für Deutschland und unvereinbar mit Demokratie, Moderne und Aufklärung. Da dürfte Sarrazin, Mirzo, viele Deutsche und auch zahlreiche moderne Moslems auf einer Linie liegen, denn diese haben für sich und Deutschland ihr eigenes Islamverständnis gefunden. Das ist zwar in vielen Fällen nicht vereinbar mit der traditionellen Sicht vieler ihrer Vorfahren, ermöglicht ihnen aber ein Leben in Deutschland.

Sarrazin kantet hier dazwischen, indem er undifferenziert über den Islam urteilt: „Ich glaube, dass die Welt ein besserer Ort gewesen wäre, wenn der Islam nie entstanden wäre." Hinsichtlich seiner Einschätzung guter Ausländer, schlechter Ausländer ist er rassistisch, indem er zwischen Italienern und Spaniern auf der einen und Türken und Marokkanern auf der anderen Seite unterscheidet.

In seinem Buch spricht er auch ganz deutlich von „Rückführung notfalls durch den Einsatz militärischer Mittel“ und kritisiert in einem Interview "dass ganz viele, die zu uns auf illegale Weise gekommen sind, Muslime sind. Wer kein Aufenthaltsrecht hat, muss in sein Heimatland zurück. Illegale Einwanderer aus Senegal müssen, wenn sie kein Aufenthaltsrecht haben und nicht zurückgenommen werden, an der Küste von Senegal abgesetzt werden." Basta!

Hart urteilt er auch über die Versäumnisse seiner eigenen Partei. "Sie hätte seit dem Jahr 2010 all das, was ich zum Thema Einwanderung und Islam und Euro geschrieben habe, berücksichtigen müssen. Dann hätten wir weder eine Eurokrise gehabt, noch hätten wir Rettungsschirme für Griechenland, noch hätte es die Masseneinwanderung des Jahres 2015 gegeben. Im Sommer 2015 dümpelte die AfD irgendwo in der Gegend weit unter fünf Prozent dahin. Letztlich hat die falsche Politik die AfD groß gemacht." Hybris, aber zumindest beim letzten Satz dürften ihm zahlreiche SPD-Mitglieder zustimmen. Wie Mirzo sieht er Druck als notwendig an, um Deutschland vor der „Feindlichen Übernahme“ zu retten. " Die bei uns lebenden Muslime müssen unter einen stärkeren Integrations- und Assimilationsdruck gesetzt werden und weitere Einwanderung von Muslimen nach Deutschland müssen wir grundsätzlich unterbinden." Schließlich steige deren Anteil in Deutschland und Europa auch durch die anhaltend hohen Geburtenraten weiter an. Bei einer Fortsetzung dieses Trends seien die Muslime auf dem Weg zur Mehrheit. Houellebecq lässt grüßen.

Unsere Kultur und Gesellschaft lassen sich nur schützen, sagt Sarrazin, wenn die weitere Einwanderung gestoppt und Integration der bei uns lebenden Muslime mit robusten Mitteln vorangetrieben wird. Eine Hoffnung in eine Islam-Reform hat Sarrazin nicht, da bisherige Versuche weitgehend gescheitert seien. Sarrazin warnt, dass in keinem Land, in dem Muslime in der Mehrheit sind, Religionsfreiheit herrsche und die Demokratie funktioniere. Stattdessen leide die islamische Welt unter explosionsartigem Bevölkerungswachstum und zunehmende Fanatisierung.

Thilo Sarrazin spannt einen Bogen von den Aussagen des Korans zur mentalen Prägung der Muslime, von da weiter zu Eigenarten und Problemen muslimischer Staaten und Gesellschaften und schließlich zu den Einstellungen und Verhaltensweisen von Muslimen in den Einwanderungsgesellschaften des Westens.

bei Amazon.de bestellen

(c) Magazin Frankfurt, 2018