Burrack, Leben hoch zwei

Kürzlich wurde im Bundestag eine Neufassung des Transplantationsgesetzes beschlossen, die am 1. April 2019 in Kraft trat. Das von Gesundheitsminister Jens Spahn eingebrachte Gesetz soll dafür sorgen, dass Krankenhäuser mehr Zeit und Geld dafür bekommen, geeignete Spender ausfindig zu machen. Das ist notwendig, denn obwohl rund 10.000 Menschen bei uns, manchmal schon seit Jahren auf ein Organ warten und auch die Zahl der Spender angestiegen ist, klafft immer noch eine breite Lücke zwischen Bedarf und Angebot. Leider ist das Wissen um das Thema Organspende nicht weitverbreitet. Als infratest dimap kürzlich die Menschen zu dem Thema befragte, stellte sich heraus, dass fast jeder Dritte nicht weiß, dass Hirntod in Deutschland zwingende Voraussetzung für eine Organspende ist. Meist glaubten diese Befragten, dass das Hirn noch arbeitet und das Herz nicht mehr schlägt. Mehr als jeder Fünfte der Befragten ohne Organspendeausweis gab zu, sich noch nie mit dem Thema beschäftigt zu haben.

Das will Heiko Burrack ändern. Zwar zweifelten einige medizinische Gesprächspartner Heiko Burracks anfangs an seiner Kompetenz, als er ihnen zur hochaktuellen, aber auch hochkomplexen Thematik Organspende, Hirntod und Transplantation Fragen stellen wollte, denn Burrack ist kein Mediziner, sondern berät als Diplom-Kaufmann Kommunikationsagenturen beim Neukundengeschäft. Der "Werbefuzzi" ist also sicherlich ein exzellenter Redner, aber kein Arzt oder Ethikexperte. Doch Heiko Burrack ist hartnäckig. Eine Eigenschaft, die man im Neukundengeschäft dringend benötigt. Das Buch schrieb es auch aus eigener Betroffenheit, denn der 51-Jährige lebt schon fast sein halbes Leben mit einer Spenderniere und hatte sich deshalb früh grundlegend mit dem Thema beschäftigt.

Die Anzahl der Patienten, die auf eine Organtransplantation warten, ist in den letzten Jahren massiv gestiegen. Doch auch die Zahl der zur Verfügung stehenden Organspender nimmt erfreulicherweise erstmals seit langem wieder deutlich zu, aber sie ist trotzdem noch zu gering, um den hohen Bedarf an Spenderorganen zu erfüllen. Gründe für die mangelnde Spenderbereitschaft in Deutschland liegen unter anderem in Vorurteilen, die den Hirntod und die Transplantation betreffen. Einige Länder, wie zum Beispiel Österreich, haben bereits eine Widerspruchslösung, bei der jeder, der nicht ausdrücklich einer Organentnahme nach seinem Hirntod widerspricht, dieser automatisch zustimmt. Spahn möchte diese Regelung auch für Deutschland übernehmen. Viele Menschen sind darüber verunsichert. Mit Hintergrundwissen und Informationen aus zahlreichen Experteninterviews schafft jetzt Burracks Buch eine Basis, um selbst eine fundierte Entscheidung für oder gegen die Organspende treffen zu können. Das Motto lautet: Fakten und Informationen statt Halbwissen und Vorurteile! Auch Organempfänger kommen in diesem Buch zu Wort und bringen im Gespräch mit dem Autor ihre Dankbarkeit gegenüber den Spendern und Familien zum Ausdruck. Heiko Burrack wurde 1994 selbst die Niere eines hirntoten Menschen geschenkt.

Des Weiteren werden Angehörige befragt, die einer Organspende zugestimmt haben. So berichtet ein Vater, wie er am 1. Weihnachtsfeiertag vom tödlichen Unfall seiner beiden Kinder erfahren hat und wie die Organe seines Sohnes mehreren Menschen das Leben gerettet haben. Außerdem wird auf die aktuellen Maßnahmen zur Verbesserung der Spenderquote eingegangen. Der Autor belegt das große Potenzial, das gerade in den Kliniken liegt. Er diskutiert die Vor- und Nachteile von Widerspruchs- und Entscheidungslösung und geht auch auf die Non-Heart-Beating-Donor-Problematik ein. All diese durchaus komplexen Fragen werden verständlich und klar erläutert, sodass sich das Buch für jeden eignet, der sich vollumfänglich mit dem Thema Organspende befassen will, denn derzeit wird das Thema in Deutschland aufgeregt diskutiert. Der zuständige Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) möchte wegen der geringen Zahl an Organspenden die sogenannte Widerspruchslösung einführen, damit sich das endlich ändert. Auch Spahn erkennt, dass es ein massiver Eingriff in die Freiheit des Menschen ist, von ihm zu fordern, aktiv der Entnahme seiner Organe nach dem Hirntod zu widersprechen oder sie sonst zwangsläufig der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Gegner der Widerspruchslösung fordern, dass es weiterhin die Freiheit geben müsse, sich damit nicht zu beschäftigen und seine Organe in diesem Fall nicht automatisch freizugeben. Menschen hegen ein natürliches Unbehagen gegenüber dem Thema Tod. Dies trägt derzeit dazu bei, dass tagtäglich drei Menschen sterben, die auf ein Spenderorgan warten. Wie kann das Dilemma gelöst werden? Niemand darf sich genötigt fühlen seine Organe zu spenden. Doch kann die Politik im gesellschaftlichen Interesse vom Bürger verlangen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen? Durch einfaches Nachfragen beim Arztbesuch kann das kaum geschehen. Also ein Ultimatum setzen für den aktiven Widerspruch? Das Thema geht uns alle an. Wie Heiko Burrack können wir alle oder unsere Angehörigen plötzlich auf ein Spenderorgan angewiesen sein. Dafür vorzusorgen, ist in unserem eigenen Interesse und nimmt Partnern und der Familie die Last schnell unter zeitlichem und moralischem Druck dies stellvertretend tun zu müssen. Wichtig ist es dafür aber, das notwendige Wissen zu haben. Vielleicht ist es zu einseitig, denn viele Gegenpositionen zum Thema finden sich darin nicht. Jedoch hilft das Buch dabei, die Sachfragen zu verstehen, denn der Autor wirft nicht mit Fachbegriffen um sich, sondern bereitet das Thema in vielen Fragen und Betrachtungen auch für Laien verständlich auf. Damit sollte sich jeder besser entscheiden können, ob er der Organentnahme zustimmt oder sie bewusst ablehnt. NB

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Burrack, Leben hoch zwei

(c) medhochzwei

(c) Magazin Frankfurt, 2019