Blubacher, Ruth Hellberg - Ein Jahrhundert Theater

Blubacher, Ruth Hellberg - Ein Jahrhundert Theater

(c) Wallsein Verlag

"Ich jammere nicht, ich schimpfe". Diesen Satz der großen Schauspielerin wählte Thomas Blubacher als Titel für die von ihm glänzend erzählte wechselvolle Schauspielerinnen-Biographie. Spannend, temporeich und mit großartiger Genauigkeit breitet er sie als Kaleidoskop der Theatergeschichte im 20. Jahrhundert vor dem Leser aus. Denn die Karriere Ruth Hellbergs war lang. Fast ein ganzes Jahrhundert stand das Kind aus einer Theaterfamilie auf der Bühne oder vor der Kamera und spielte dabei mit so berühmte Kollegen wie Therese Giehse, Heinz Rühmann und Zarah Leander in ihrer frühen Zeit und Götz George, Margarethe von Trotta und Barbara Auer in ihren späten Jahren. Nur wenige können ein derart breites Spektrum an großartigen Regisseuren anbieten wie die 1906 in Berlin geborenen und 94-jährig im bayrischen Feldafing verstorbene Akteurin: von Max Reinhardt und Leopold Jessner bis zu Friedrich Dürrenmatt und Volker Schlöndorff.

Die einige Jahre ältere Elisabeth Bergner empfahl Ruth Hellberg Otto Falckenberg als ihre Nachfolgerin an den Münchener Kammerspielen, wo sich Hellberg mit Bertolt Brecht anfreundete. Mit siebzehn erwartete sie ein Kind vom späteren Hollywoodstar Oskar Homolka und pflegte ein Schwangerschaftskränzchen mit Brechts Geliebter Helene Weigel und mit den Ehefrauen von Caspar Neher und Fritz Kortner. Bald feierte sie Triumphe in Hamburg, Berlin, Leipzig und Wien, wirkte in Fritz Langs Science-Fiction-Film »Metropolis« mit und war das Gretchen neben Alexander Moissis Faust. Für Gustaf Gründgens leidenschaftlich schwärmend, zog sie kurzerhand zu ihm in die Wohnung und strapazierte die Nerven von dessen Ehefrau Erika Mann, da sie deren Geliebte Pamela Wedekind heftig begehrte.

Deren Bruder Klaus Mann verewigte sie in seinem Schlüsselroman "Mephisto" , den Fritz H. Landshoff, der Vater ihres Sohns Andreas, in einem Exilverlag in Amsterdam herausbrachte - während sie mit Gründgens im Staatstheater Berlin auf der Bühne stand. Vier Jahrzehnte später kündigt sie ihrem langjährigen Protegé Klaus Maria Brandauer die Freundschaft, als dieser die Hauptrolle des von ihr verrehrten Gründgens (im Buch als Egomane Höfgen) in István Szabós Verfilmung übernahm. Die Hellberg warf ihren Liebling aus der Wohnung und bricht jeglichen Kontakt zu ihm ab. Für Brandauer hingegen war der oscarprämierte Film der Start seiner Weltkarriere.

Ihr 50-jähriger Schweizer Thomas Blubacher hat sich bereits mit Biografien der Geschwister Eleonora und Francesco von Mendelssohn, Gustaf Gründgens und Ruth Landshoff-Yorcks auch international einen Namen gemacht. Die Schweizer "Tageswoche" nennt ihn einen „Spezialisten für gefährdete Existenzen, biografische Brüche und Abstürze“. Aber auch als Autor von Reiseberichten wie der bei Piper erschienenen "Gebrauchsanweisung für Bali" oder für Kreuzfahrten oder in Magazinen und Zeitungen wie die "Süddeutsche Zeitung", "DIE ZEIT". 2002 war er Writer-in-residence in der Villa Aurora, dem einstigen Wohnsitz Lion Feuchtwangers, im kalifornischen Pacific Palisades. Daneben inszeniert der promovierte Theaterwissenschaftler als Regisseur an Bühnen in der Schweiz, Deutschland, Österreich und den USA und führt Regie bei Radiofeatures.

bei Amazon.de bestellen

(c) Magazin Frankfurt, 2018