Slow Motion im Allgäu

Malerisch eingebettet in die abwechslungsreiche Voralpenlandschaft des Westallgäus, lädt der Luftkurort Wangen den Reisenden auf der A96, einer der wichtigsten Nord-Süd-Autobahnen Europas, zur Rast ein. Entlang des idyllischen Argenufers präsentiert sich dem Besucher eine sehr reizvolle historische Altstadt mit mittelalterlichen Türmen und Toren, der Marktplatz und die Herren- und Paradiesstraße, die zu den schönsten Straßenbildern Süddeutschlands gehören. Die Herstellung und der Export vor allem von Sensen und Leinwand sorgten für eine ansehnliche Außenhandelsbilanz. Die Stadt erwarb während ihrer Blütezeit ein beachtliches Landgebiet außerhalb der Stadtmauern, das ihr dauerhafte und nachhaltige Einnahmen unabhängig von den Schwankungen des Handels sicherte.

Schon im 2. Weltkrieg diente die nicht von Bomben zerstörte Stadt den Filmemachern als Kulisse für Heinz Rühmanns Quax-Film. Auch heute ist die gesamte Altstadt – liebevoll restauriert und gepflegt - als Ensemble auf der Denkmalschutz-Liste. Als ehemals Freie Reichsstadt verbindet Wangen pulsierendes Stadtleben mit hoher Lebensqualität in intakten Strukturen. Der "Schönste Wochenmarkt der Region" lädt ein, den Charme des Außergewöhnlichen zu genießen. Bodenständige Gastronomie, stilvolle Weinstuben und gemütliche Cafés sorgen an vielen Orten fürs leibliche Wohl der Gäste. Wer es ruhig angehen lassen möchte, ist in Wangen goldrichtig.

Brauerei- und Käsereibesichtigungen, geführte Gästewanderungen, Stadt-, Rathaus- und Museumsführungen, Radwanderwege und Nordic Walking-Touren stehen von Frühjahr bis Herbst auf dem Programm und in den Wintermonaten locken kleine Skilifte, Loipen, eine Kunsteisbahn und Winterwanderungen zum weißen Vergnügen. Im Sommer war das malerische Städtchen sogar WM-Quartier der Fußballer aus dem afrikanischen Togo. Mit seiner hervorragenden Verkehrsanbindung ans Fernstraßennetz, ist es für Autofahrer von Wangen nur ein Katzensprung an den nahe gelegenen Bodensee und in die Allgäuer-, Österreicher- und Schweizer Alpen. Bei Tagesausflügen kann man so die Blumeninsel Mainau, den Bregenzer Hausberg Pfänder, Bregenz mit der Seebühne, St. Gallen oder Schloss Neuschwanstein kennen lernen.

Kurtourismus

Es ist noch gar nicht so lange her, da bestimmte der Kurtourismus das Bild der vieler Orte im Allgäu, zumal sie an der Schwäbischen Bäderstrasse lagen. Seit rund einem Jahrzehnt müssen die Bäder neue Wege bestreiten und ihr Angebot auf "Medical Wellness" umstellen. Statt medizinischer Behandlung gibt es so für den Gast entspannende Anwendungen mit medizinischem Nutzen. Moorbäder zum Beispiel , wie sie in Bad Wurzach verabreicht werden. Sie entspannen die Muskeln und lindern unter anderem Rheumabeschwerden. Das flüssige Moor mit seinen 40 bis 42 Grad Celsius gibt seine Wärme langsam an den Körper ab und wirkt sich nach Auskunft der Bademeister positiv auf die Haut aus, weshalb ein nachträgliches Einseifen ungern gesehen wird.

Nach der Behandlung wandert das Moor wieder dahin zurück, wo es herkam: ins Wurzacher Ried. Nach Jahren der Verlandung kommt es dann nach Jahren wieder zum Einsatz in der Moorwanne. Entstanden ist das Moor in der vorletzten Eiszeit, der Riss-Eiszeit vor 230.000 bis 130.000 Jahren. Eine Zunge des Rheingletschers schürfte damals ein breites und ziemlich flaches Tal aus, das von Endmoränen abgeriegelt wurde. In dem Tal bildete sich in der folgenden Warmzeit ein sauerstoffarmer See, der nach und nach verlandete. So kam Bad Wurzach zur größten intakten Hochmoorfläche Deutschlands, die der Gast mit dem "Moorbähnle" auf einer 30-minütigen Rundfahrt erkunden kann.

Bad Wurzach

Der Fläche nach ist Bad Wurzach nach Stuttgart die zweitgrößte Stadt des Baden-Württembergs. Größter Arbeitgeber des Städtchens ist die Glasfabrik Saint-Gobain, der deutsche Sitz des französsichen Konzerns. In vielen Familien stehen die Erzeugnisse des Hauses in Form des Nutella-Glases auf dem Frühstückstisch. Ein barockes Schloss aus dem 18. Jahrhundert lockt die Kulturfreunde an.

Geht man hinaus ins Ried, spiegeln sich Bäume in dem trüber schwarzglänzenden Wasser. Seit zehn Jahren ist es mit dem Torfstechen im Moor vorbei, nachdem das Wurzacher Ried mit dem Europadiplom ausgezeichnet wurde und seitdem unter besonderem Schutz steht. Die Touristen freut es, denn heute stehen mehr als 200 Kilometer Rad- und Wanderwege zur Verfügung. Eine Besonderheit ist der Wackelwald in Bad Buchau. Dort wachsen Nadelbäume und Moorbirke auf dem äußerst beweglichen Moorboden, der aus der Verlandung eines Sees entstanden ist. Man geht dabei fast wie auf einem Gummilaufband und jede Bewegung läßt auch die Bäume mit ihrem Wurzelsystem erbeben, fast als würde ein Riese durch den Wald streifen. Doch die Bäume haben sich angepaßt und kommen mit dem nahrstoffreichen Boden gut aus. Zahlreich auch die Thermalquellen mit ihrem schwefel- und fluoridhaltigen Wasser, die nicht nur in Bad Wurzach zum Bau großer prestigeträchtiger Thermalbäder geführt haben.

(c) Magazin Frankfurt, 2021