Reiseziel Natur: Das Wattenmeer Ostfrieslands

Die Generation 60plus

Früher sind sie uns uralt vorgekommen: unsere Großeltern. Heute rücken wir selbst unweigerlich vor und können sicher sein auch als Generation 60plus, denn Senioren wollen wir uns noch nicht nennen, noch fit zu sein für das Leben und neue Herausforderungen. Doch einiges muss für diesen Lebensabschnitt neu und anders durchdacht werden.

Noch nicht überall wird die wichtige Zielgruppe hinreichend berücksichtigt. Sogar bei meinem Lieblings-Malt Whiskey, den wie ich weiß, auch viele meiner gleichaltrigen Freunde lieben, gehöre ich schon seit Jahren nicht zur Kernzielgruppe, wie mir erst kürzlich ein schnöseliger junger Produktmanager veriet. Dabei bin ich noch nicht einmal in der Generation 60plus.

Die Sonderangebote der Bahn

Zum Glück tickt die Bahn anders. Trotz einiger Anfeindungen (Thank you for travelling) denken die Bahn-Strategen mit und haben für die Generation 60plus ein Service-Netz für eine entspannte und kostengünstige Mobilität gespannt. Und das ist gut so, denn über vier Millionen der über 60-jährigen nutzen ihren Regional- und Fernverkehr, Tendenz weiterhin steigend. Für viele Senioren ist die Fahrt im ICE, IC, City Night Line oder Regio-Zug eine attraktive Alternativen zum Fahrt mit dem eigenen Auto. Schon ab 39 € bekommen Senioren über 60 Jahre eine BahnCard 25 für die 2. Klasse. Der Partner kann zum gleichen Preis eine Partnerkarte erwerben - auch wenn er selbst noch jünger ist.

Damit gibt es auf alle Normaltickets aber auch auf die Sparangebote der Bahn ein Jahr lang 25 Prozent Ermäßigung. Wer lieber etwas komfortabler in der 1. Klasse fahren möchte, kauft sich eine Bahncard25 1. Klasse für 79 Euro oder er liegt mit der BahnCard 50 First goldrichtig. Die kosten im Jahr 236 Euro und gewährt einen Nachlass von 50 Prozent für alle Normaltickets und 25 Prozent bei grenzüberschreitenden Reisen in viele europäische Länder. Für die 2. Klasse kostet sie die Hälfte. Auch Schwerbeschädigte (70 Prozent) und Rentner mit voller Erwerbsunfähigkeit können die Karten erwerben. Nur nebenbei: In 118 Städten ist die Weiterfahrt mit den örtlichen ÖPNV im City-Ticket über 100 km Fernverkehr inklusive.

Zum Tee in Leer

Wir haben das Angebot getestet. Mit dem ICE fuhren wir zuerst gemütlich nach Hannover. Ab und zu sah man durchs Fenster auf die nahe Autobahn, wo wir viele PKWs hinter uns ließen. Von dort ging es mit dem ICE weiter nach Bremen und dann auf einen der Nachbargleise im Regionalexpress weiter nach Leer. Das "Tor Ostfrieslands" mit seinen 34 000 Einwohnern ist mit ihrem Seehafen einer der größten deutschen Reederei-Standorte und nach Hamburg zweitgrößter Hafen Deutschlands.

Teefreunden sei ein Besuch des Teemuseums der Bünting-Unternehmensgruppe angeraten, die mit ihrem "Echten Ostfriesentee" auch in anderen Teilen des Landes vertreten und wo fachkundige Experten in die Kunst des Teeschlürfens einführen. Der Kandiszucker und der Löffel darf dabei natürlich nicht fehlen. Der Löffel wurde beim Nachbarbesuch dann in die Tasse gestellt, wenn man genug hatte. Was bei hartem Wasser recht schnell gehen konnte.

Die Kunsthalle in Emden

Von Leer aus ging es am nächsten Morgen mit dem Regionalexpress in einer Viertelstunde nach Emden. Der ehemalige Stern-Herausgeber Henri Nannen hatte sich in seiner Heimatstadt einen Traum erfüllt und dort vor einem Vierteljahrhundert ein Kunstmuseum gebaut, das ein Muss für Kunstfreunde ist. Zusammen mit seiner Frau Eske, die die Kunsthalle heute leitet, gelang es ihm den anfänglichen Zweifel der Bewohner auszuräumen.

Heute zieht die Kunsthalle mit ihrer Sammlung aus Arbeiten der Neuen Sachlichkeit und des Expressionismus zahlreiche Gäste in die Heimatstadt des Regisseurs Wolfgang Petersen (Das Boot). Durch eine Kooperation mit der Deutschen Bahn können diese zu besonderen Ausstellungen auch mit dem Kultur-Ticket–Spezial für 39 (2. Klasse) oder 59 Euro (1.Klasse) aus einem Umkreis von 300 Kilometern anreisen.

Naturziel Wattenmeer

Das Naturziel Wattenmeer, heute Teil des UNESCO Welterbes ist von Emden mit dem Weser-Ems-Bus gut zu erreichen. Der Urlauberbus kann mit der Kur- oder Gästekarte auf der gesamten ostfriesischen Halbinsel für nur einen Euro benutzt werden. Mit einer Dreiviertel Milliarde Fahrgästen in den 13.400 Bussen ist die Deutsche Bahn der größte Bus-Anbieter und kann auf eine lange Tradition verweisen. So erreicht man schnell das Wattenmeer mit seinen Prielen, Muschelbänken und Wattwürmern. Bei der kräftigen Luft kann man mit offener Nase durch die Salzwiesen wandern, mit den Füßen den Schlick formen und sehen wie das Wasser erst die Fußabdrücke bedeckt und dann die Knöchel hochwandert.

Abenteuer Wattenmeer - damit ist nicht zu spaßen, denn der Tidehub zwischen Ebbe und Flut beträgt meist zwei bis drei Meter und was erst langsam abfließt kommt mit starker Strömung zurück. Vor Wanderungen sollte man sich also besser bei der Kurverwaltung erkundigen oder sich mit einem Führer auf den Weg machen.

Fahrtziel Natur

Etwa alle sechs Stunden wechselt sie so Ebbe und Flut ab. Draußen gibt es genug zu entdecken. Die Seehunde lieben das Wattenmeer und ihr Bestand steigt. Auch die Möwen und andere Vögel genießen die frische Luft und wir fragen uns, warum wir nicht schon früher hierher gekommen sind. Denn auch für Nicht-Senioren gibt es attraktive Angebote. Die frühere Bahntochter Ameropa bietet in den Reisebüros oder am Bahnhof preiswerte Pakete an und mit "Fahrtziel Natur" lädt die Bahn zusammen mit den großen Umweltverbänden BUND, NABU und VCD zur CO2-freien Reise ins Wattenmeer.

Wer nicht mehr wandern möchte kann mit dem Bahn-Partner Taxi Deutschland unter der einheitlichen Mobilfunk-Nummer 22456 jederzeit ein Taxi am gewünschten Reiseort (ab 5.000 Einwohner) bestellen. Mit Anrufkosten von 69 Eurocent pro Minute ist das zwar kein Schnäppchen, aber man kommt mit einer Nummer zurecht. Da möchte man gerne bleiben, doch leider ruft die Arbeit zurück an den Schreibtisch. Nach einer letzten Wanderung duchs Wattenmeer geht's dann zurück. Einem der Seehunde, die ich auf der Wanderung entdecke habe ich es schon versprochen. Ich komme zurück!

(c) Magazin Frankfurt, 2017