Bizet, Les Pêcheurs de Perles

Viele Menschen kennen wahrscheinlich nur eine einzige Oper des französischen Romantikers Georges Bizet: Carmen, die auf der Novelle von Prosper Mérimée basierende Geschichte der Zigeunerin und des Soldaten. Vielleicht liegt das daran, dass Bizet im Alter von 36 Jahren, nur drei Monate nach der mäßig erfolgreichen Premiere der Carmen an einem Herzanfall starb. Just an seinem Hochzeitstag. Dabei hatte Bizet vor der Carmen 14 Opern und Operetten geschrieben, die aber meist schnell wieder in der Versenkung verschwanden. Erst als die Carmen, die Brahms als die beste Oper ihrer Zeit bezeichnete, ihren Siegeszug als eine der erfolgreichsten Opern der Opernliteratur begann, erinnerte man sich auch an die früheren Werke, unter anderem die Perlenfischer, die Bizet selbst „ehrenvollen Fehlschlag“ bezeichnet hatte.

Die Oper spielt in einem Küstendorf in Ceylon, wo der Perlenfischer Zurga in einem alten Ritual zum Oberhaupt seiner Zunft gewählt wird. Die verschleierte neue Priesterin Leila soll für das Heil der Perlenfischer beten und bei Brahma Schutz vor Unwetter und den Gefahren der See erflehen. Als der Jäger Nadir eintrifft, erneuert er mit seinem Jugendfreund Zurgas einen alten Treueschwur. Beide hatten sich einst in dasselbe Mädchen verliebt und ihre Freundschaft drohte daran zu zerbrechen. Um der Freundschaft willen verzichteten beide auf das Mädchen. Als Nadir unter dem Schleier der Tempelpriesterin seine Jugendliebe Leila erkennt, bricht er den Treueschwur. Als die Perlenfischer und Zurga den Eidbruch bemerken fordern sie die Hinrichtung der Treulosen. Vor der Hinrichtung übergibt Leila dem Dorfältesten Nourabad eine Kette, um diese vor den Flammen zu retten. Sie sei das Geschenk eines jungen Flüchtlings, dem sie einst das Leben rettete. Als Zurga darin seine Kette erkennt, bereut er seinen Hass. Er legt im Dorf Feuer und als die Perlenfischer den Brand löschen, löst er die Fesseln der Verurteilten und lässt si ziehen. Dabei gesteht er Nadir, dass er schon damals ihre innige Liebe bemerkt habe und sie aus Eifersucht mit dem Treueschwur zerstören wollte.

Die exotische Umgebung spiegelt sich auch in der Musik wider. 2012 hat das Teatro di San Carlo in Neapel die selten gespielte Oper von Fabio Sparvoli neu inszenieren lassen. Ein Glücksgriff, wie Kritik und Publikum bestätigte. Sparvoli lässt die Geschichte in einem imaginären Orient spielen, stattet die Charaktere farbenfroh mit Turbanen und Sari aus und lässt immer wieder Tänzer als Geschöpfe aus der Geisterwelt das Geschehen lenken. Glück hatte er auch mit dem Dirigat durch den früheren künstlerischen Leiter des Opernhauses und die exzellenten Solisten mit dem Uruguayer Dario Solari in der Bartonpartie des Zurga und den jungen russischen Operalia-Gewinner Dmitry Korchak in der Tenorpartie des Nadir. Ergänzt wurden die beiden durch eine großartige Patrizia Ciofi als sehr lebendig agierende Priesterin und den omnipräsenten Chor der Perlenfischer, der die Emotionen der Hauptfiguren widerspiegelt. Durch die jetzt bei Naxos erschienene DVD- und Blu-ray-Aufnahme der Oper wird diese Perle der Opernliteratur mit ihren wundervollen Stücken wie der Tenor-Glanzarie "Je crois entendre encore" und dem ans Herz gehenden Duett Zurgas und Nadirs "Au fond du temple saint" auch einem breiteren Publikum zugänglich.

(c) Magazin Frankfurt, 2018