Brandenburger Gasthausbrauereien

Da braut sich was zusammen!

In sieben Brandenburger Klein- und Gasthausbrauereien kommt das Bier auf kurzem Weg aus dem Sudhaus direkt zum Gast. Das stärkt die Artenvielfalt der Hopfenschorle und erst recht die Region. Zumal die Gastwirte dazu ermuntern, nicht nur das Bier, sondern auch die Gegend zu erkunden. Ein Beitrag von Hanne Walter

Egal ob Stammgast oder Neuankömmling, man wird gnadenlos geduzt. So unangenehm das in den meisten Situationen ist, in der „Kneipe Pur“ passt es wie die Faust aufs Auge. Denn in der Wirtshausbrauerei im Fischerstädtchen Plaue bei Brandenburg is(s)t man in Familie. Man geht zu Karola in die Küche, um sich den Teller vollzuladen. Weil Sonntag ist, gibt’s Braumeisterpfanne mit dreierlei Fleisch und herzhaften Würstchen in – na? – genau, in Bier gegart. Eine Gemüsemischung zieht ebenfalls appetitlich im Biersud, während sich ein Topf weiter Schmorgurken mit Spargel vereinen.

Hilft dem Sauerkraut eigentlich auch Bier beim Angriff auf die Geschmacksnerven? Zuzutrauen ist Karola alles, denn sie ist die kulinarische Seele der kleinsten Brauerei Brandenburgs. Sie kocht ihre „Cuisine a lá Bière“ nach Lust und Laune und am liebsten mit Zutaten, die um die Ecke wachsen oder direkt vor ihrem Fenster im Kräutergarten. Die warmen Speisen werden, egal ob Fleisch, Gemüse, Soße oder Kartoffeln überwiegen, nach Gewicht bezahlt. Pro hundert Gramm 1,90 €. Man kann sich auch vom Meterbrot eine dicke Scheibe abschneiden, mit Schmalz oder Knoblauchbutter bestreichen und dazu die selbstgemachte Sülze kosten. Und wenn man schon fast am Platzen ist, bringt Carola ihren frischen Obsthefekuchen und man muss einfach zugreifen. Den Kaffee dazu verkneifen sich die meisten, denn es sind ja noch nicht alle Biere verkostet. Wie auch, 15 bis 20 verschiedene Biere braut Gernot Brätz im Jahr, darunter historische Plauer und Brandenburger Sorten.

Angefangen hat er 1985 in einer Waschmaschine vom Typ WM 66 mit Leitungswasser. Doch zwischen dem damals entstandenen Gebräu und dem herzhaften „1912er Plausch“ nach Pilsener Brauart und Wasser aus dem örtlichen Brunnen liegen Welten. Nicht umsonst ist Braumeister Gernot Brätz mit seiner Vielfalt und den interessanten Geschmacksnoten im Buch der wichtigsten Biere der Welt vertreten.

Sein Stammbier "1912er" ist eine Verneigung vor der Geschichte. Einen schönen Spaziergang von der Kneipe entfernt erhebt sich am Plauer See das auf den Grundmauern der Qitzowburg erbaute Schloss, in dessen Brauerei 1912 letztmalig Bier in Plaue gebraut wurde. Von dort führt der Fontaneweg zu Originalschauplätzen, die der berühmteste Wanderer der Mark Brandenburg erlebt und beschrieben hat. Auch zum Margaretenhof, wo er oft, des Wanderns müde, sein Haupt bettete.

Nicht minder historisch geht’s in der „Meierei im Neuen Garten“ Potsdam zu. Schon um 1800 war sie ein beliebtes Ausflugsziel, fristete aber nach wechselvoller Geschichte jahrzehntelang als Ruine ein beklagenswertes Dasein, bis sich Ende der 1990er Jahre der heute geschäftsführende Inhaber Jürgen Solkowski und seine Frau in das Gelände verliebten. Lange hatten sie nach einem Ort gesucht, um sich ihren Traum von einer besonderen Erlebnisgastronomie erfüllen zu können.

Seit 2003 wird die nun denkmalgeschützte Gasthausbrauerei an sonnigen Tagen geradezu überrannt, denn im Biergarten am Ufer des Jungfernsees sind nicht nur die 200 Plätze an der Sonne, sondern vor allem die am Wasser heißbegehrt, um mit dem frischgezapften Kaltgetränk den Segelbooten hinterherzuschauen, während Kinder und Enkel auf einem von Obstbäumen gesäumten Kinderspielplatz glücklich werden.
Ein Besuch dieses nahe dem Schloss Cecilienhof gelegenen Hopfenparadieses lohnt sich natürlich auch ohne Biergartenwetter. Im Inneren des Hauses finden ebenfalls 200 Durstige und Hungrige Platz, die dann Muße haben, die hauseigene Bierausstellung zu besichtigen und einen Blick auf das gärende Jungbier im historischen Eiskeller zu werfen.

Wer alle Haus- und saisonalen Biere probiert hat, trotzdem nach mehr dürstet und obendrein noch seetauglich und standfest ist, kann mit dem Wassertaxi auf direktem Wege zur Braumanufaktur Forsthaus Templin fahren. Auch in diesem ist die Geschichte allgegenwärtig und reicht bis ins Jahr 1756 zurück. Seit 2003 betreiben Jörg Kirchhoff und Thomas Köhler das Forsthaus am Strandbad Templin als Gasthausbrauerei. Sie brauen ihre naturbelassenen, unfiltrierten Spezialitäten aus ökologisch angebauten Rohstoffen. Gemäß ihrem Motto „Geld allein macht nicht glücklich – Trinkt selbstgebrautes Bio-Bier!“ sind das Potsdamer Stangenbier, das berühmte „Werdersche“ und etliche andere Sorten, alle auch in verschieden großen Bügelflaschen zum Mitnehmen.

Bescheidener geht’s in Gernot Brätz‘ „Kneipe Pur“, der kleinsten Brauerei des Landes, zu. Dabei wäre beinahe alles ganz anders gekommen. Nachdem der Ruf seines jährlich zum Herrentag gebrauten Knoblauchbieres weit über die Landesgrenzen hinaus gedrungen war, begab sich sein Schöpfer auf eine Bierreise durch die Vereinigten Staaten. Während einer Rast in einem der vielen „Garlic Restaurants“ outete er sich als Erfinder, worauf der Geschäftsführer der Knoblauch-Restaurant-Kette gerufen und Gernot Brätz mit Abwerbungs-Offerten überschüttet wurde. Der Brandenburger schlug die Chance seines Lebens aus und braut zum großen Glück seiner Anhänger weiter allein für den Genuss in seiner Kneipe. Die Amerikaner hingegen scheitern bis heute kläglich mit jedem neuen Versuch, selbst ein Knoblauchbier zu erfinden.

(c) Magazin Frankfurt, 2017