Beethoven, Streichquartette

Die Berliner Philharmoniker gehören ohne Frage zu den allerbesten Orchestern der Welt. Strenge Auslese der Musiker (der seit einigen Jahrzehnten auch Frauen angehören dürfen) und das Spiel mit den besten Dirigenten ihrer Zeit haben die Musiker des Orchesters, die oft noch Lehraufträge an den Musikhochschulen haben oder solistisch oder in kleinen Ensembles unterwegs sind, zu den Stars unter den Orchestermusikern werden lassen. Das hier mit Beethovens Streichquartetten aufspielende Philharmonia Quartett Berlin ist faktisch das Quartett der Berliner Philharmoniker und feierte gerade sein 30-jähriges Jubiläum mit einer großen Feier in der Berliner Philharmonie. Aus diesem Anlass hat Thorofon, das langjährige Label der Berliner, diese fulminante Box in edler Ausstattung herausgegeben, von der man wohl sagen kann: Wer sie hat, braucht in Sachen Beethoven- Quartette nichts anderes mehr. Schon nach wenigen Tönen wird klar, dass die Musiker eine neue Referenzaufnahme produziert haben. Die Kritiker sind begeistert und die Fangemeinde des Bonner Komponisten kann sich dem nur anschließen. Mit der neuen Einspielungen stellen die Musiker auch bisherige Spitzeneinspieungen in Frage, da diese durch die ganz moderne Beethoven-Deutung des Philharmonia Quartetts ein bisschen aus der Zeit gefallen wirken und altbekannte Beethoven-Gesamtausgaben des Alban Berg Quartetts oder des Gewandhaus Quartetts sich jetzt dem zeitgemäßen Referenzanspruch stellen müssen. Sicher ist auf alle Fälle, dass auch in modernen Zeten, in denen fast jedes bekanntere Musikstück in mehreren Interpretationen auf dem Markt der Tonträger vorhanden ist, immer noch absolut unverzichtbare Ausgaben des klassischen Repertoires möglich sind.

Beethoven hat 32 Klaviersonaten, 18 Streichquartette und 9 Symphonien geschrieben. Auf diesen drei Säulen steht sein ganzes Werk. Interessant ist, wie diese drei Gattungen untereinander verknüpft sind: Wenn Beethoven neue Bahnen einschlägt, tut er das zuerst in den Klaviersonaten. Dann überträgt das hier Gewonnene zuerst auf die Symphonien und dann auf die Streichquartette. Als Beethoven 1801 seine Quartette op. 18 veröffentlicht, ist er schon einunddreißig und hat bereits drei Klaviersonaten, die erste Symphonie, zwei Klavierkonzerte und die Klaviertrios op. 1 veröffentlicht. Mit seinen mittleren Quartetten, den sog. Rasumowsky-Quartetten op. 59, wiederholt er den Spaß. Als er 1808 diese weitausgreifenden Werke mit fast schon symphonischen Dimensionen veröffentlicht, da liegen seine dritte Symphonie, die Eroica, das vierte Klavierkonzert, die Kreutzer-Sonate für Violine und Klavier und die Klaviersonaten mit dem Beinamen Appassionata und Waldstein bereits hinter ihm. Auch hier schließt Beethoven mit den Quartetten eine Entwicklungsstufe in seinem Leben ab. Dieser Vorgang wiederholt sich ein drittes Mal im Spätwerk. Als Beethoven 1825 mit seinen letzten Streichquartetten beginnt, ist die Neunte Symphonie vollendet und die Klaviersonaten abgeschlossen. In einer Phase unerhörter Anstrengung und maximaler Kreativität, in der ihn nichts und niemand mehr unterbrechen kann, auch der Selbstmordversuch seines Neffen und Ziehsohnes nicht, komponiert Beethoven in zweieinhalb Jahren fünf Quartette und die Große Fuge, die sein Werk abschließen und die Gattung weit in die Zukunft weisen.

Zu seinem 30. Jubiläum nun legt das Philharmonia Quartett Berlin die Aufnahme aller Streichquartette von Beethoven vor. Das Philharmonia Quartett Berlin scheint wie kaum ein anderes dazu prädestiniert, Beethoven zu spielen: Daniel Stabrawa, der Primus, ist der erste Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Der zweite Geiger, Christian Stadelmann, ist Stimmführer der Violinen und Neithart Resa der Solobratscher des Orchesters. Seit 30 Jahren spielt das Philharmonia Quartett nun in derselben Besetzung mit nur einer Ausnahme: der großartige Cellist Jan Diesselhorst, auch er Mitglied der Berliner Philharmoniker, ist vor fünf Jahren viel zu früh verstorben. Für ihn kam der kongeniale Dietmar Schwalke, Philharmoniker wie seine Kollegen. Quartettmusiker, die jeden Tag im Orchester spielen, haben einen Sinn für das Orchestrale, das in allen großen Quartetten steckt. Beethovens Streichquartette sind auch Symphonien für vier Solostreicher. Und genau so spielt sie das Philharmonia Quartett. Die Mitglieder des Quartetts gehen bei ihren Interpretationen seit jeher einen Mittelweg, der jedoch keinen faulen Kompromiss darstellt, sondern das Resultat einer ausgewogenen Mischung von Herz und Hirn ist. Auf der einen Seite greifen die Musiker bei Klang und Phrasierung weder in den großen Sahnetopf mit dem Dauervibrato, noch gießen sie über die Musik die einst so beliebte Steaksauce aus seufzenden Portamenti, sentimentalen Rubati und tiefempfundenen Ritardandi.

(c) Magazin Frankfurt, 2017