Otto Griebel - Im Panoptikum der Zeit in Dresden

Fast vergessen - so könnte man Otto Griebel, den 1972 im Alter von 76 Jahren verstorbenen Vertreter der Neuen Sachlichkeit und der proletarisch-revolutionären Kunst bezeichnen, der damals zur Dada-Gruppe um Otto Dix zählt. Auch wenn seine Werke nie in den Überblicksausstellungen zur Kunst der Weimarer Republik fehlen, ist sein vielfältiges Schaffen heute meist nur Insidern bekannt und wurde noch nie im Zusammenhang vorgestellt. Das Werkverzeichnis aus dem Kerber-Verlag unternimmt den Versuch, mit der Rekonstruktion des verschollenen und vernichteten Werkteils einen Gesamtüberblick zu Griebels Schaffen anzubieten.

Ohne Zweifel gehört Griebel dabei zu den wichtigsten Dresdner Künstlern der 1920er Jahre, doch selbst den meisten Dresdnern ist er weniger durch seine Kunst als aufgrund seiner gesammelten Lebenserinnerungen "Ich war ein Mann der Straße" bekannt geworden, die sein Sohn Matthias posthum 1986 herausgegeben hatte. War sein Vater der radikale Kommunist, der seine Kunst in den Dienst der Propaganda stellte und sich damit unbeliebt machte, hatte sich der zum unangepassten Bohemien entwickelt, der - wie einst sein Vater bei den Nazis - mit seinen Freunden die Staatsführung der DDR verspottete, die ihn ihrerseits als asozial und dekadent durch die Stasi kontrollieren ließ. An einer Ausbildung gehindert, brachte sich Matze Griebel im Selbststudium und durch die Kenntnisse seines Vaters Geschichte bei und wurde so zum kenntnisreichen Führer durch die Dresdener Stadtgeschichte. Manche bezeichnen ihn gern als "wandelndes Stadtlexikon". Nach der Wende wurde Matthias Griebel Direktor des Dresdner Stadtmuseums und konnte in den folgenden 12 Jahren bis zu seiner Pensionierung dessen Bestand erheblich ausbauen.

Nach seiner Pensionierung widmete sich der ewige Junggeselle der Edition des Nachlasses seines Vaters, der nach dem Krieg nicht an die Erfolge der 20er Jahre anknüpfen wollte, da er sich nicht mehr auf der Höhe der Zeit betrachtete. Die Nationalsozialisten stuften das Werk Otto Griebels, der sich als "Mann der Straße" sah, die einfachen Menschen liebte und als Mitglied der "Sieben Spaziergänger" mit anderen Künstlern antifaschistische Ideen austauschten, als entartet ein, beschlagnahmten es und zeigten es in den Ausstellungen "Entartete Kunst" in Dresden und Berlin. Ein großer Teil seines Werks wurde durch den Luftangriff auf Dresden zerstört. Erst 2012 tauchten zwei seiner Werke im sogenannten Schwabinger Kunstfund aus dem Besitz Cornelius Gurlitts wieder auf.

Jetzt unternimmt eine Sonderausstellung der Städtischen Galerie Dresden den beeindruckenden und lohenden Versuch, Griebels Schaffen als Ganzes zu rekonstruieren. Trotz der Zerstörungen konnte die Galerie in der bis zum 7. Mai 2017 präsentierten Ausstellung eine opulente Auswahl von mehr als einhundert Gemälden, Zeichnungen und grafischen Arbeiten aus der Zeit von 1914 bis 1971 vorstellen, die aus dem Museumsbestand stammen oder Leihgaben aus Museen und Privatbesitz in Deutschland, Tschechien und der Schweiz sind. Es handelt sich dabei etwa um die Hälfte des noch erhaltenen Oeuvres. Begleitet wird die Ausstellung durch die schon erwähnte Veröffentlichung des Gesamtverzeichnisses zum Werk Griebels aus dem Kerber-Verlag.

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