Gysi, Ausstieg links? Eine Bilanz

Gregor Gysis größte Begabung ist seine Präsenz und Schlagfertigkeit beim öffentlichen Auftritt - gerne auch vor der Kamera. Selbstironisch gelingt es ihm immer humorvoll mit seiner Klugheit zu kokettieren. Auch wenn es triste Sachpolitik ist - Gysi schafft es, sie clever ud verständlich zu analysieren. Das er dabei mehr Charisma verströmt, als die gesamte Führungsriege der CDU, billigen ihm sogar seine Gegner zu. Wie kaum ein anderer Politiker prägte er die vergangenen 25 Jahre deutscher Einheit. Schnell avancierte er vom DDR-Anwalt zum Politprofi und Talkshow-Star. Gysi wurde zunächst bewundert und gehasst, verschaffte sich Schritt für Schritt beachtliche Anerkennung im Osten und genießt nun Respekt im gesamten Land. Mit seinen Reden fasziniert er bis heute selbst politische Gegner. Nach seinem Rücktritt aus der ersten Reihe der Politik legt er nun eine erste Bilanz vor. Er spricht mit Stephan Hebel über die Reize des Westens und die DDR-Nostalgie, Sozialismus und Marktwirtschaft, Erfolge und Niederlagen seiner Partei, die bewegendsten Begegnungen und den Preis, den die Politik dem Menschen Gregor Gysi abverlangte. Ein einzigartiges Dokument deutscher politischer Zeitgeschichte.

Rund 20 Veröffentlichungen hat er in den letzten Jahrzehnten vorgelegt, jetzt zieht er mit "Ausstieg links?" Bilanz. Entstanden ist eine niedergeschriebene Plauderstunde mit dem Journalisten Stephan Hebel und Auszügen aus seinen Reden. Viel Neues kommt dabei nicht zu Papier, doch es ist eine angenehme Lektüre, den es plaudert jemand, der 1989 als Protest-Redner auf dem Berliner Alexanderplatz eine Zeile der Weltgeschichte schrieb, ein paar Tage Vorsitzender der SED und dann jahrelang der SED-PDS war. Lange wurde er in den Medien verleumdet. Der wohl bürgerlichste aller Promi-Ossis strahlte dennoch einen Charme aus, dem viele auch in Westdeutschland verfielen. Raus aus der DDR wollte er nie, sagt er. Einerseits Loyalität, andererseits sein Sohn, den er allein großzog und das DDR-Recht, das kaum einer so perfekt beherrschte, wie er. Die Stasi war nicht sein Revier sagt er und auch nicht die Gechichte rund ums alte SED-Parteivermögen. Gysi gibt sich also ganz als lupenreiner Demokrat. "Die Linke muss begreifen, dass Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit nicht Beiwerk sind, sondern diese Werte müssen ihr Anliegen sein."

(c) Magazin Frankfurt, 2019